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Lehrer leitet Studenten beim Projekt an
Spezielle Lernräume, interdisziplinäre Teams und Methoden wie Nano-Abschlüsse oder Flipped Classroom: Lebenslanges Lernen hat viele Gesichter.
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Zukunft Mensch Gesellschaft

Viele Wege, ein Ziel: Lebenslanges Lernen

Agiles Arbeiten beginnt im Kopf – deshalb gibt es heute unterschiedlichste Theorien, Konzepte und Forschungsansätze, um Sachverhalte schnell und einfach zu erlernen. Das lebenslange Lernen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Unser Autor Christian Heinrich hat sich auf die Suche nach den spannendsten Ansätzen gemacht und ist dabei unter anderem auf einen Trend aus dem Silicon Valley gestoßen.

Die Wissensgesellschaft verlangt nicht nur, dass wir niemals aufhören zu lernen. Es kommt künftig auch auf andere Fertigkeiten als bisher an, um beruflich und gesellschaftlich erfolgreich zu sein.

Wie lange dauert es, sich in ein aktuelles Zukunftsfeld so weit einzuarbeiten, dass man darin beruflich Karriere machen kann? Zwei Monate. So viel Zeit braucht es, um bei der Online-Akademie Udacity einen „Nano-Abschluss“ als „Produktmanager Künstliche Intelligenz“ zu machen. Es sind nicht einmal Vorkenntnisse erforderlich. Bei einem vergleichsweise geringen Aufwand von fünf bis zehn Stunden in der Woche lernt man, Produkte mit Künstlicher Intelligenz zu entwickeln, die wirtschaftlichen Ertrag bringen.

Solche Nano-Abschlüsse, die auf einem kleinen Feld große Kenntnisse vermitteln, sind vor allem im Silicon Valley zurzeit enorm angesagt. Und das nicht nur unter Stanford-Absolventen und jungen Angestellten von Google und Facebook. Auch 50- und 60-Jährige sind vermehrt unter den Teilnehmern. Nicht selten mit der Absicht, im fortgeschrittenen Alter noch einmal ein Start-up zu gründen. Das erfordert noch andere Kompetenzen, etwa Risikokapital an Land zu ziehen oder Personalmanagement. Aber auch für so etwas gibt es ja heutzutage recht gute Lernangebote.

Lebenslanges Lernen. Vor einigen Jahren wurde es noch als großer Trend beschrieben. Heute ist es schon so selbstverständlich geworden, dass viele sich gar nichts mehr dabei denken, wenn sie ihren Alltag mit Fortbildungen und formalisierten Lernerfahrungen bestücken. Doch mittlerweile zeigt sich: Das ist erst der Anfang.

Jeder lernt von jedem: Unternehmen setzen mittlerweile auf vielfältige Konzepte des individuellen Lernens und Erfahrungsaustauschs.
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Die klassische, chronologisch dreiteilige Biographie der Industriegesellschaft „Ausbildung – Erwerbsleben – Ruhestand“ ist in der Wissensgesellschaft von heute längst zur Ausnahme geworden. Bildung ist nicht mehr auf Institutionen wie Schulen und Universitäten beschränkt, sie ist digitalisiert und findet über neue Kanäle statt. So wird sie immer mehr zur Privatsache – und auch nach eigenen Bedürfnissen gestaltbar. „Die Entwicklung geht hin zu einer Individualisierung des Lernens“, sagt Christian Stamov Roßnagel. Der Organisationspsychologe ist Professor am Zentrum für lebenslanges Lernen an der Jacobs University in Bremen.

Diesem neuen Lernverhalten wird inzwischen selbst in klassischen Institutionen wie der Schule Rechnung getragen: Beim sich ausbreitenden Konzept „Flipped Classroom“ überlässt der Lehrer seinen Schülern das Lernen selbst, etwa indem er ihnen seinen Frontalvortrag als Online-Video zur Verfügung stellt. Den können sie zu Hause ansehen, wann immer es gerade passt, und sie können zurückspringen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Wie das Gelernte anzuwenden ist, das wird in der Schule geübt, mit dem Lehrer vor Ort. Damit werden die Hausaufgaben in die Schule verlegt und der Frontalunterricht nach Hause. Das bisherige Modell der Schule wird so auf den Kopf gestellt – Flipped Classroom.

Auch die Wirtschaft setzt darauf, ihren Mitarbeitern individuelles Lernen zu ermöglichen – mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Stamov Roßnagel entwickelt und erprobt zurzeit mit großen Unternehmen wie Lufthansa und Airbus neue Wege der Fortbildung. Das Prinzip ähnelt den Nano-Abschlüssen: Den Mitarbeitern stehen verschiedene Online-Module zur Verfügung, mit denen sie sich gezielt jeweils bestimmte Kompetenzen aneignen können.

Die Module sind dabei so kleinteilig und flexibel, dass sie individuell auf den Lernenden abgestimmt werden können. Ein Modul kann das Bedienen einer bestimmten Maschine in einer Fabrik zum Thema haben, eine neue Konstruktions-Software für Flugzeuge oder eine Fortbildung für Account Manager. Die Inhalte werden in Form von Videos, Audiodateien, Lückentexten, Übungen und anderem vermittelt – eine Menge an didaktischen Möglichkeiten.

Doch das Besondere ist etwas anderes: Über das Verhalten des Lernenden sammelt man Daten. An welcher Stelle bricht er ein Video ab? Wie schneidet er bei Erfolgskontrollen ab? Wie bewertet er die jeweiligen Lerneinheiten? „Mithilfe von Künstlicher Intelligenz versucht man dann, das Lernen zu optimieren“, sagt Stamov Roßnagel. Das kann geschehen, indem manche Lerneinheiten einfach nach einiger Zeit wiederholt werden, oder auch durch das Einschieben von weiteren, erklärenden Lerneinheiten bei Bedarf – eine wichtige Voraussetzung, um lebenslanges Lernen spürbar zu erleichtern: Der Lernende muss sich nicht mehr einer starren Struktur anpassen, sondern die Struktur passt sich bis zu einem gewissen Grad dem Lernenden an. „Dies erleichtert den Zugang und das Lernen für Menschen jeden Alters“, so Stamov Roßnagel.

Doch nicht immer lässt sich alles in firmeninternen, auf die eigenen Anforderungen zugeschnittenen Kursen und Nano-Abschlüssen erlernen. Die Informationsdichte in unserer Wissensgesellschaft ist so groß, dass ein Einzelner das Wissen gar nicht mehr verinnerlichen kann. Entsprechend verändern sich auch die Werte, auf die es ankommt.

Gehorsam, Fleiß und Pflichtbewusstsein – die Tugenden, die den Kindern noch vor zehn Jahren in der Schule vermittelt wurden – zählen heute weniger. Stattdessen stehen andere Kompetenzen im Vordergrund: Kreativität und die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen. Denn angesichts der Komplexität des Wissens geht es nicht mehr darum, Informationen auf Abruf bereitzuhalten – „zu  wissen, dass“ –, sondern vielmehr darum, zu verstehen, wie die Informationen verknüpft und wo sie abzurufen sind – „zu wissen, wie“.

Die Digitalisierung wird dieser Entwicklung nicht nur gerecht, sie verkörpert sie sogar: Das Internet fungiert als Hort des Weltwissens. Wer sich hier zurechtfindet, kann es gewissermaßen als „ausgelagertes Gedächtnis“ begreifen und verwenden.

Zugleich sind die Digitalisierung und das Internet heute eine Spielwiese für Experimente in Bezug auf das lebenslange Lernen – mit ganz unterschiedlichem Ausgang.

Da sind die vor fünf Jahren noch hochgejubelten Massive Open Online Courses, kurz MOOCS, in denen Koryphäen ihres jeweiligen Faches große Themen kostenlos präsentierten für alle, die interessiert waren. „Die Teilnehmerzahlen bei den MOOCS sind stark zurückgegangen. Die Themen sind oft zu breit, der konkrete Nutzen für die Zuhörer gering“, erläutert Christian Stamov Roßnagel.

So schlicht kann Lernen sein: Das Programm Amboss richtet sich an Mediziner und vermittelt die Inhalte vor allem über eine klare Struktur. Sie gilt aufgrund ihrer Flexibilität mittlerweile als Lernwerkzeug Nummer eins unter Medizinern.
Foto: Amboss

Ein weiterer Trend: Gamification. Spielerische Elemente – das einfachste ist eine Art Quiz –, Belohnungen und Fortschrittsanzeigen etwa in Form von Leveln versuchen das verspielte Kind im Lernenden und damit mehr Interesse für die Inhalte und Motivation zu wecken. „Das gibt es schon lange, ein klassisches Beispiel sind Flugsimulatoren“, sagt Christian Stamov Roßnagel. Seit Jahren versuchen Unternehmen, mithilfe von Gamification ihre Fortbildungen attraktiver zu machen. „Das kann gelingen, aber da muss die Qualität stimmen. Und das erfordert didaktisches Fachwissen, etwas Aufwand und Investitionen. Viele sind nicht bereit dazu, oder es fehlt am Didaktik-Wissen.“

Nicht immer kommt es bei den Lerninhalten auf opulente Videos und farbenprächtige Bilder an. Entscheidend für den Erfolg kann manchmal schon sein, das Wissen gut zu strukturieren. Gelungen ist das zum Beispiel dem Online-Programm Amboss, das sich an Mediziner richtet. Hier lassen sich die Informationen, die oft nur als Bullet Points präsentiert werden, unter anderem nach Organen und nach Krankheitsbildern ordnen. Die Flexibilität, die Aktualität und die Struktur machen Amboss mittlerweile zum Lernwerkzeug Nummer eins unter Medizinern. Der Schlüssel für den Erfolg von Amboss liegt laut Stamov Roßnagel in einer guten Umsetzung des Konzepts des Constructive Alignment, der konstruktiven Abstimmung. Es besagt: Lernziele, Lernaktivitäteninhalte, Lehrmethoden und Fortschrittsbewertungen sowie Rückmeldungen sollten so aufeinander abgestimmt sein, dass das Erreichen der Lernziele bestmöglich gefördert wird.

„Darauf kommt es am Ende bei fast allen Lernangeboten an: wie das Lernangebot didaktisch aufgebaut ist“, sagt Stamov Roßnagel. Denn aufwändig produzierte Lernvideos mit spielerischen Elementen nützen wenig, wenn keine Lernziele gesetzt wurden. Und selbst der spannendste Stoff kann gähnend langweilig sein, wenn er lustlos präsentiert wird. „Die Digitalisierung allein macht Lernangebote noch nicht zum Selbstläufer. Sie ist lediglich ein Vehikel“, sagt Stamov Roßnagel. Was zähle, sei der Spaß am Lernen. Das sei die wichtigste Quelle für Motivation. Egal ob der Lernende 13, 43 oder 83 Jahre alt ist.