Menschen riechen an Wand in Ausstellung
AN DER ANGST SCHNÜFFELN: Die Wände in der Ausstellung „Where do we go from here?“ im Louisiana Museum of Modern Art im dänischen Humlebæk sind mit den „Angst“-Molekülen einzelner Probanden einzeln bestrichen. Foto: Poul Buchard
Zukunft Mensch Gesellschaft

Wie Sissel Tolaas den Geruch von Städten einfängt

Ein emotionales und zukunftsweisendes Portrait über eine Pionierin mit einem ganz besonderen Sinn haben wir für das Kundenmagazin “new spaces” von Gaggenau strategisch erarbeitet und anschließend produziert. Hierzu waren wir bei Sissel Tolaas, der weltweit einzigen interdisziplinären Duftforscherin, zu Gast. Wir sprachen mit ihr über Stadtpläne der besonderen Art, über Liebe, Sex und die Veränderung von Gerüchen durch den Klimawandel.

Wie riecht München? Wie der Buckingham Palace? Wie Kansas City oder Istanbul? Wie riecht Kunst oder gar Angst? Sissel Tolaas, weltweit die einzige interdisziplinäre Duftforscherin, steckt ihre Nase in Sachen, die uns alle umwehen: „Ganz schlicht: Die U-Bahn in London riecht anders als die in Paris. Das steigt jedem in die Nase. Auch eine Wohnung, vor allem wenn wir sie das erste Mal betreten, steigt uns mit einem eigenen Geruch in die Nase. Ein neues Möbel, ein neues Auto hat einen ganz eigenen, deutlich identifizierbaren Geruch.“

Auch dass wir bestimmte Menschen „nicht riechen“ können, kommt nicht von ungefähr, weiß die Geruchsforscherin: „Es ist eine biologisch begründete Selektion. Ein Mensch, der einen für uns unangenehmen Eigengeruch hat, wird in der Regel kein Partner. Die Gefahr, dass ein gemeinsames Kind mit Behinderungen auf die Welt kommt, ist ungleich höher, da die DNA oft nicht kompatibel ist.“ Rieche jemand für uns gut, liege auch Sex in der Luft. Zumal sie herausgefunden hat: „Glückliche Menschen riechen anders.“

ERPROBTE NASE: Sissel Tolaas in ihrem Berliner Labor vor einem Teil der fast 8000 von ihr gesammelten Gerüche.
Foto: Martin Mai

So pragmatisch Sissel Tolaas Liebe erklärt, so pragmatisch geht die Norwegerin, die seit 2004 ihr Labor in Berlin hat, ihrer Nase nach. Sie erschnuppert Straßenecken, riecht an Menschen und Gegenständen vom Motorradsattel bis zu Dingen, die man nicht so gern beim Namen nennt.

„Es gibt keinen schlechten Geruch. Das, was uns unangenehm erscheint, ist meist ein kulturell vermitteltes Vorurteil“, sagt die Duftsammlerin. Darum schwebt über all ihren Forschungen die These: Wenn wir uns nur auf die Nase verlassen, wird die Welt toleranter und entspannter. „Aus diesem Grund arbeite ich auch gern mit Kindern zusammen, sie gehen unbedarfter an Gerüche heran.“ Dass wir mit bestimmten Ethnien einen Geruch konnotieren, ist oftmals eine Erwartung, die sich erst einmal nur in unserem Kopf abspielt: Der Türke, der Österreicher, der Thailänder haben so und so zu riechen. „Was stimmt, ist, dass eine bestimmte Ernährung den Eigengeruch beeinflusst. Vegetarier zum Beispiel riechen anders als Menschen, die Fisch und Fleisch essen. Für Japaner, die Milchprodukte aufgrund eines fehlenden Enzyms nicht verdauen können, stinken Europäer.“ Das kann man verstehen.

Sissel Tolaas, die Chemie, Mathematik, Kunst und Linguistik in Oslo, Warschau, St. Petersburg, Moskau und Oxford studiert hat, bewertet nicht, sie stellt fest. Aufgrund ihrer Forschungsergebnisse zieht sie dann Schlussfolgerungen.

Praktisch angewandt recherchiert sie unter soziokulturellen Aspekten Geruchs-Hotspots. Eben jene Straßenecke, jenen Motorradsattel. Mit einem Gerät, das ein bisschen wie eine externe Festplatte anmutet, werden Moleküle eingefangen. Am Ende des Geräts, mit einem Schlauch verbunden, ist eine Art Miniaturstaubsauger. „Im Kern der Box sind einzelne Zellen, die mit Quarz gefüllt sind, der die Moleküle bindet“, erklärt sie. Die Moleküle werden bei Sissel Tolaas’ Kooperationspartner in den USA, der IFF (International Flavors & Fragrances Inc.), in Formeln zerlegt. Ab diesem Zeitpunkt sind die Gerüche reproduzierbar.

Zum Beispiel der Geruch des Buckingham Palace. Und zwar nicht der von heute, sondern der von vor 300 Jahren. Sissel Tolaas wurde 2015 vom Palast eingeladen, eine Duftkarte zu erstellen. Sie hat Proben aus den Wänden, den Böden, alten Teppichen und Ähnlichem entnommen, sie wie beschrieben zerlegt und daraus eine Flüssigkeit, eine Art „Eau de Toilette à la Buckingham“, reproduziert. Und zwar von den Orten, an denen die Probe genommen wurde. Auf einem Träger, einer schlichten Pappe, sind die einzelnen Punkte fixiert, und reibt man daran, entströmt der Geruch. Nase auf für eine Zeitreise.

Nase auf für eine ganze Stadt: Sissel Tolaas hat mit Berlin angefangen. Sie hat die Hauptstadt unter die Nase genommen, Viertel wie Kreuzberg oder Moabit erschnuppert und daraus eine Essenz raffiniert. Der Geruch von Berlin mit Gras-, Linden und Spree-Aromen in einem vierfach unterteilten Flakon (je Stadtviertel ein Reservoir) wurde unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) ausgestellt. Den Geruchsstadtplan von Kansas City, der vier Jahre später entstand, hat Tolaas unter Beteiligung der Bevölkerung in Angriff genommen: „Wir haben über die Medien einen Aufruf gestartet, dass die Bewohner Gerüche aus ihrer unmittelbaren Umgebung einsammeln sollen“, erzählt sie. Die Stadt, durch den Missouri geteilt, wuchs das erste Mal zusammen, meint die Forscherin. Der Fluss ist eine Grenze zwischen dem sozial schwächeren und dem bürgerlichen Kansas. „Mit der Geruchskarte haben einige das erste Mal diese unsichtbare Grenze überschritten“, so Sissel Tolaas, die mittlerweile auch für Istanbul, Paris und Wien eine olfaktorische Karte erarbeitet hat.

„Von all unseren Sinnen ist Riechen der einzige, den wir nicht beeinflussen können.“

Sissel Tolaas

Gerade war sie in Schanghai und hat in Zusammenarbeit mit der Harvard University und chinesischen Studenten 500 Geruchsproben eingesammelt. Die Karte von Kansas war die Bestätigung ihre These, dass Geruch verbinden kann: „Von all unseren Sinnen ist er der einzige, den wir nicht beeinflussen können.“ Augen zu und durch, das geht. Finger weg – ist kein Problem. Und nicht hinhören bei vielen tägliche Praxis. Aber wer hat es schon einmal geschafft, wegzuriechen? Weil uns das nicht gelingt, vertritt Sissel Tolaas die These vom Eau de Toilette als Gleichmacher, der Unterschiede zwischen den Menschen überdeckt: „Der eigene Körpergeruch wird als störend empfunden. Als eine Verunsicherung. Es scheint uns besser, uns zu parfümieren, um nicht aufzufallen. Dabei gehen leider viele Informationen verloren, und außerdem verlieren wir viel von unserem Geruchssinn.“

Tolaas selbst hat ihren fünften Sinn so trainiert, dass sie sogar Angst riechen kann. „Noch nicht so gut wie meine Katze. Die erschnuppert, ob ich gestresst bin, glücklich oder stinksauer“, ergänzt sie lachend. Seit den frühen Neunzigern „erriecht“ Sissel Tolaas ihre Umgebung. Und hat mittlerweile ein Archiv von fast 8000 Gerüchen aufgebaut. In einem Zimmer in ihrer Berliner Altbauwohnung dominieren kleine Alufläschchen, luftdicht verschlossen und fein säuberlich aufgereiht, den Raum. Ihr SMELL RE_searchLab schließt die Lücke in der Kommunikation, und um die geht es der Forscherin schlussendlich. „Geruch ist eine universelle Sprache“, postuliert sie. Trotzdem arbeitet sie aktuell an einem Projekt, Gerüche in Worte zu fassen. Ihr Smell Alphabet wächst ständig. „Wir beschreiben Gerüche oft über Optik. Riecht rosig, riecht holzig“, sagt sie. Und beschwert sich ein bisschen über die „Dominanz des Sehens“.

WIE RIECHT ANGST: Ausstellung „The FEAR of Smell — the Smell of FEAR“ am Visual Arts Center des MIT in Cambridge: In jedem Fläschchen steckt der Geruch der Angst einer von 50 Personen.
Foto: Sissel Tolaas
Seife aus dem Angstgeruch von Proband No. 5 auf der Design Week der Mailänder Triennale 2011.
Foto: Sissel Tolaas

Dabei ist ihr das Augenfällige durchaus lieb. In ihrer Wohnung sind die Klassiker der Jahrhundertmitte zu finden, zeitgenössische Kunst, und die Hausherrin ist Marken wie Margiela durchaus nicht abhold. Eine Intellektuelle auf High Heels. „Als ob das noch ein Widerspruch wäre“, lacht sie. Hat es sie nie gereizt, einen Duft zu kreieren? „Angebote gab es viele, aber ich hatte einfach Spannenderes zu erforschen“, meint Tolaas.

Spannendes, wie aus dem Schweiß von David Beckham Käse zu machen (für Adidas), Spannendes, wie für das Museum Tinguely in Basel an der Ausstellung „Belle Haleine – Der Duft der Kunst“ teilzunehmen. Oder auf Einladung der UN bei der Klimakonferenz über Gerüche im Klimawandel zu referieren. Bei der Ausstellung des belgischen Designers Dries van Noten, die im ModeMuseum Antwerpen zu sehen war, lag der Duft „Body“ in der Luft – eine Reminiszenz an den verstorbenen Rudolf Nurejew. Wonach „Body“ duftete? „Natürlich nach dem Männerschweiß eines Tänzers.“


DAS NEUESTE PROJEKT DER GERUCHSFORSCHERIN: Das Smell Memory Kit, Ampullen mit Gerüchen, die ganz individuell gesammelt werden. Vom Geruch des Flitterwochenhotels bis zum Duft des ersten Kindes direkt nach der Geburt: Sissel Tolaas erstellt ganz persönliche Duftarchive, die immer wieder reproduzierbar sind.
Foto: Sissel Tolaas

Eigentlich kann sie sich vor Angeboten nicht retten. Da steht eine Podiumsdiskussion mit Olafur Eliasson in Stockholm ganz selbstverständlich in ihrem Kalender, neben der Abi-Feier ihrer Tochter. Sie forscht für das Weizmann Institute of Science Israel und mit dem Copernicus Science Centre in Warschau, ihre Ausstellung „Smell & Communication“ war unter anderem in Luxemburg und Den Haag zu erleben. Zusammen mit dem fantastischen Fotografen Nick Knight realisierte sie die Ausstellung „Violence“ im MoMA, an der Universität von Kuwait initiierte die norwegische Berlinerin das „Smell & Tolerance Lab“ und – von Virgin-Gründer Richard Branson engagiert – in Kapstadt ein „Sensory Bootcamp“, ein Trainingslager der Sinne. Man kommt ganz außer Atem. Sissel Tolaas hat für ihr Metier die einzig richtige Beschreibung: „Ich bin ein professioneller In-betweener“, sagt sie. Und muss weiter. Immer der Nase nach.

Erstveröffentlichung: new spaces, 2016

Weitere Informationen:
www.iff.com