Foto: iStock
Zukunft Mensch Gesundheit

Das Essen unserer Zukunft

Was wir essen, wandelt sich und ist immer mit gesellschaftlichen Veränderungen verbunden. Was wird wohl in ein paar Jahren in unseren Kühlschränken liegen? Die Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler und der Experte Mathias Haas haben für uns aktuelle Food Trends unter die Lupe genommen.

„Essen ist und bleibt eine Frage des Geldes“, sagt der Trendforscher Mathias Haas über die Zukunft unserer Ernährung: Während sich die unteren sozialen Schichten mit standardisiertem Massenessen zufriedengeben müssen, weil sie sich nichts anderes leisten können, werden die Reichen seiner Meinung nach einen Premiumsektor in der Lebensmittelindustrie bilden, in der Zeit eine wichtige Rolle spielt. „Reiche Menschen sind noch mehr effizienzgetrieben. Sie wollen nicht viel Zeit aufwenden. Wenn sie beispielsweise ein bestimmtes Fleisch haben wollen und es gibt die Möglichkeit, dass dieses Fleisch ohne ihr Zutun in ihren Kühlschränken landen kann, dann wird Geld zweitrangig“, sagt Haas. Der Markt stellt sich bereits auf solch eine Kundschaft ein. So baut das chinesische Unternehmen Alibaba derzeit ein weltweites Logistiknetzwerk auf, das den Austausch von Waren zwischen zwei Orten auf der ganzen Welt innerhalb von zwei Tagen möglich machen soll. 

Foto: Mathias Haas – DER TRENDBEOBACHTER / www.trendbeobachter.de

Delikatessen an der Imbissbude und Mahlzeiten im Abo

„Essen wird mobiler, alles wird To Go“, so Haas. Auch hochwertiges Essen. In Berlin gibt es heute Imbissbuden, die Oktopus und Pulled Pork anstatt Currywurst-Pommes anbieten. „Schön serviert“ fällt hinten runter, „auf die Hand“ ist wichtiger. In den Niederlanden, berichtet Haas, werde das Frühstück gerne in Form eines Shakes eingenommen, denn „das ist zeitsparend und besser für die Kleidung, wenn wir in der wackeligen S-Bahn stehen.“ Für Deutschland durchaus auch ein Thema, denn jeder Fünfte pendelt zwischen 30 und 45 Minuten, etwa jeder Zehnte bis zu 60 Minuten und weitere zehn Prozent über eine Stunde zur Arbeit. Da ist wenig Zeit für ein Frühstück. 

An diese Schnelligkeit haben sich die Lieferservices schon heute angepasst. Unternehmen wie HelloFresh oder Marley Spoon erleichtern ihre Kundschaft um den Gang in den Supermarkt. Sie liefern portionierte Lebensmittelzutaten in einem wöchentlichen Abo bis vor die Haustür. 

Kochen bleibt eine Leidenschaft

Diese Schnelligkeit heißt aber nicht, dass die Hobbyköche unter uns, die am Wochenende gerne in der Markthalle ihr Fleisch kaufen, verloren gehen. „Die gleichen Leute, die sich ihr Essen liefern lassen, können daheim eine hochwertige Küche haben und am Wochenende ihre Freunde bekochen“, so Haas, „nur unter der Woche, wenn sie es eilig haben, wird das Essen geliefert.“

Das Ende der Supermärkte?

Läuten Unternehmen wie HelloFresh das Ende der Supermärkte ein? „An jeder Straßenecke ein Vollsortiment, aber dafür mit rigiden Öffnungszeiten. Das ist eigentlich Luxus mit umgekehrtem Düsenantrieb, weil er den realen Veränderungen in unserem Alltag widerspricht“, sagt Hanni Rützler, eine österreichische Ernährungswissenschaftlerin. Mathias Haas glaubt, dass der Handel zurückgehen wird und sich nur Discounter und Feinkost-Läden auf Dauer halten können. Discounter für die Geringverdiener, Feinkost für den Premiumsektor. 

Die österreichische Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler
Foto: Nicole Heiling

Die Pille als Zeitkiller

Noch schneller als der Lieferservice wären Nahrungsergänzungsmittel. In den Augen von Mathias Haas haben sie großes Zukunftspotential. „Wenn bewiesen wird, dass der Einwurf einer Pille oder eines Pulvers genauso satt und gesund macht, wie frisches Essen, dann wird sich das durchsetzen.“ Das amerikanische Unternehmen Soylent versucht das schon. Es produziert Getränke und Riegel, so genannte Ready-to-Drink-Meals, die eine Mahlzeit ersetzen. Auf der Internetseite werden sie mit dem Satz „Let us take a few things off your plate“ beworben. Und in Japan werden bereits mit Hilfe von DNA-Tests individuelle Nahrungsergänzungsmittel hergestellt.

Convenience-Food 2.0 – als Pulver oder gleich als „Ready-to-drink meal“
Foto: Soylent

Essen wir bald In-vitro-Fleisch? 

Mit großer Spannung werden die Entwicklungen rund um kultiviertes Fleisch, außerhalb von Tieren, in Laboren gezüchtetes Fleisch, beobachtet. Nicht nur, weil mehr Nahrung für mehr Menschen produziert werden, sondern auch das Leid von Tieren verringert werden könnte. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass wir solch ein Fleisch bald kaufen können? Das amerikanische Start-up Finless Foods arbeitet mit Hochdruck daran, Fischfleisch zu züchten. „Noch sind prozesstechnologische Hürden zu überspringen, um aus Zellen gezüchtetes Fleisch auch industriell herzustellen“, sagt Hanni Rützler. „Aber der Durchbruch steht bevor. Wie schnell sich im Labor gezüchtetes Fleisch bei den Konsumenten durchsetzen kann, wird eine Frage des Preises sein und der kulturellen Akzeptanz. In Amerika und Asien wird das schneller gehen als bei uns.“  

Ein Burger-Patty aus Zellkulturfleisch
Foto: Stocksy

Essen aus dem 3D-Drucker

Tests in Altenheimen haben allerdings gezeigt, dass mit 3D-Druckern produziertes verschlucksicheres Essen eine echte Alternative ist: „Wir möchten auch älteren Menschen, die Probleme mit dem Kauen und Schlucken haben, eine ansprechende Mahlzeit anbieten können. Im Gegensatz zur passierten Kost sprechen die Menüs aus dem 3D-Drucker auch das Auge an. Erste Ergebnisse zeigen, dass sie daher auch mit mehr Genuss gegessen werden“, erläutert Projektleiterin Melanie Senger vom Institut für Lebensmitteltechnologie an der Hochschule Weihenstephan Triesdorf in einer Mitteilung des Bundesforschungsministeriums. In zwei Pflegeheimen haben die Forschungsteams des Instituts für Lebensmitteltechnologie und des Instituts für Biomedizin des Alterns in Erlangen die Herstellung einer neu aufbereiteten texturadaptierten Kost etabliert. Mit großem Erfolg: Die Seniorinnen und Senioren aßen wieder mit mehr Appetit und nahmen innerhalb weniger Wochen an Gewicht zu. 

Die Alternative bekommen die Schwächeren

Die Menschheit satt zu bekommen, das wäre eher mit genmanipuliertem Essen zu schaffen. Die UN hat errechnet, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf zehn Milliarden Menschen angestiegen sein soll. Bei dieser Menge müsste die Nahrungsproduktion um 70 Prozent wachsen, damit alle Menschen versorgt werden könnten. Doch das genmanipulierte Essen würde, nach der Meinung von Haas, nur der finanziell schwächere Konsument bekommen. Hanni Rützler sieht das Problem an ganz anderer Stelle: „Es geht nicht um die zu produzierende Menge. Wir produzieren heute schon genug Nahrungsmittel. Große Mengen davon werden aber zur Viehfütterung verwendet, gehe als Food Waste unter oder verderben wegen ungenügender Lagerung. Wir haben weltweit vor allem ein Verteilungsproblem und das lässt sich auch mit künstlich erzeugtem Fleisch nicht beheben.“

Insekten sind eine ideale Proteinquelle – und schon heute für ca. ein Drittel der Weltbevölkerung ein natürlicher Bestandteil der Ernährung.
Foto: iStock

Sind Insekten die Lösung?

Wenn es um die Frage nach dem Essen der Zukunft geht, ist das Thema Insekten unumgänglich. 1800 Arten gibt es, die essbar sein sollen und die sich sehr viel umweltfreundlicher züchten lassen als Fische, Schweine oder Rinder. Während die Krabbeltiere fest zu den Speisen der asiatischen Kultur gehören, scheint sich die westliche Welt nur langsam daran zu gewöhnen. Auch, weil bis vor wenigen Jahren die EU-Verordnung Insekten als Nahrungsmittel gar nicht zuließ. Seit die Novel-Food-Verordnung (sie regelt die Zulassung neuartiger Lebensmittel) Anfang 2018 überarbeitet wurde, wagten einige Start-Ups das Geschäft mit den Insekten. Wie das Pforzheimer Unternehmen Plumento Foods oder Bugfoundation aus Osnabrück. „Insekten sind dabei, auch die europäischen Gaumen zu erobern“, sagt Hanni Rützler, „Mit dem Protein-Hype und dem Nachhaltigkeitsdiskurs, der derzeit die Ernährungsdebatte prägt, werden auch Insekten langsam zu akzeptierten Lebensmitteln werden. Zu Pulver zermahlen, in Protein-Riegeln oder Burger-Patties verarbeitet, verlieren sie schnell das Dschungelcamp-Image.“

Spekuliert und gerätselt wird in der Ernährungsbranche und der Trendforschung viel. Einige wissenschaftliche Ansätze haben wohl großes Potential, auf unseren Tellern zu gelangen, anderes bleibt vielleicht nur ein spaßiger Hype, der bald vom nächsten verdrängt wird. Glaskugel bleibt Glaskugel. „Foodtrends haben eine durchschnittliche Lebensdauer von fünf bis 15 Jahren. Darüber, wie wir uns in 30 Jahren ernähren werden, kann man nur spekulieren“, so Hanni Rützler. „Menschen überschätzen, was in drei Jahren möglich ist und sie unterschätzen, was in zehn Jahren möglich ist“, meint Trendforscher Mathias Haas.

Weitere Informationen:
foodink.io
plumento-foods.com
finlessfoods.com/about/
bugfoundation.com
www.beyondmeat.com