Urban Gardening Gemüsegarten in Essbarer Stadt Andernach
Urban Gardening in Perfektion: In Andernachs Grünanlagen sprießen Kohl und Hopfen in hübsch angelegten Beeten. Foto: 90Grad Photography/Hilger & Schneider GbR
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Urban Gardening: In dieser Stadt ist Pflücken erlaubt!

Lecker und gesund statt nur hübsch: In der „essbaren Stadt“ Andernach verschönert man beim Urban Gardening nicht nur Parks und Beete, sondern macht öffentlichen Raum zu Nutzgärten. Diese Reportage für das Kundenmagazin passt! von BAUHAUS erzählt, wie und warum die Stadtgärtner Zierpflanzen durch Obst und Gemüse ersetzt haben.

Das erwartet Sie hier:

Genug reife Früchte für alle
Die Stadt wird zum Gewächshaus
Auch andere „essbare Städte“ wachsen und gedeihen
Bepflanzung und Pflege: ein Gemeinschaftsprojekt
Urban Gardening ist kein Selbstläufer

Nein, sie sei nicht extra fürs Gemüse da, sagt die Rentnerin aus Kanada, die gerade mit Faltplan in der einen und Ehemann an der anderen Hand durchs kleine Städtchen Andernach nahe Koblenz schlendert. Der Stopp auf ihrer Rheinkreuzfahrt sei Zufall. Aber die Idee, nämlich die Stadt mit Nutz- statt Zierpflanzen zu begrünen, die findet sie richtig klasse. Und daheim habe sie sogar mal in der Tageszeitung von der „essbaren Stadt Andernach“ gelesen. Die gilt in Sachen Urban Farming als globaler Vorreiter einer Art grünen Revolution von Amts wegen. Seit 2010 pflanzt die Stadtverwaltung Obst, Gemüse und Kräuter, wo vorher nur Zierpflanzen wuchsen. Krokusse, Stiefmütterchen und Rasen wichen Kohlrabi, Kirschen und Kresse. Und statt „Betreten verboten“ heißt es „Pflücken erlaubt“.

Genug reife Früchte für alle

Das Urban-Gardening-Projekt hatte ganz harmlos angefangen. Mit Tomaten und einem praktischen Problem: 2010 riefen die Vereinten Nationen zum Jahr der Biodiversität aus. Lutz Kosack, der Landschafts- und Stadtplaner von Andernach, wollte den 30.000 Einwohnern das sperrige Thema der Artenvielfalt begreifbar und buchstäblich schmackhaft machen.

Also ließ er entlang der alten Stadtmauer 101 verschiedene Tomatensorten pflanzen. Dazu muss man wissen, dass Kosack neben seinem Job in Andernach auch noch an der Uni Bonn Botanik lehrt. Er weiß also ganz gut Bescheid in Sachen Artenvielfalt. Was er nicht wusste, war, wohin mit den reifen Tomaten. „Also haben wir einfach die Bürger eingeladen, sich zu bedienen“, sagt er.

Urbane Gärten: Entlang der 800 Jahre alten Stadtmauer gedeihen Erdbeeren, aber auch Bitterorangen, Feigen und mehr – probieren erlaubt!
Foto: 90Grad Photography/Hilger & Schneider GbR

Die Stadt wird zum Gewächshaus

Die Idee des urbanen Gartenbaus war naheliegend – und doch nicht ohne Kritiker. Man fürchtete Chaoten, die Tomaten an Hauswände pfeffern. Doch die Chaoten blieben aus. Und so folgten auf Tomaten im nächsten Jahr Bohnen, Zwiebeln, Wein und vieles mehr. Seither kommen immer neue Beete und Sorten hinzu.

So sprießen heute längst nicht mehr nur entlang der Stadtmauer Quitten, Mispeln, Kirschen, Feigen und sogar Hopfen. Am Bahnhof wollen Birnen gepflückt werden. Die Fußgängerzone duftet nach Thymian, Salbei, Rosmarin in mobilen Hochbeeten. Bunter Mangold, Grünkohl, Kartoffeln, Kresse und Zucchini sind sogar richtig hübsch anzusehen. Und dank des warmen Mikroklimas wachsen in Andernach Orangen, Kiwis, Granatäpfel und sogar Bananen.

Bei den Beeten selbst lässt man sich ebenfalls öfter etwas Neues einfallen: Derzeit entsteht ein historischer Gemüsegarten mit römischen und mittelalterlichen Sorten. Um Gewerbetreibende zum Gießen der Hochbeete zu bewegen, bekommt der Apotheker ein Beet mit Heilkräutern, der Optiker eines mit Möhren, die Reinigung Blumen mit strahlend weißen Blüten und so weiter.

„Wir leisten ein bisschen Beziehungsarbeit zwischen Mensch und Pflanze.“

Lutz Kosack, Stadtplaner Andernach
Urban Farming mit historischen Wurzeln: Nutzgärten in der Stadt sind heute trendy. In früheren Jahrhunderten waren sie wichtiger Bestandteil der Stadtversorgung.
Foto: 90Grad Photography/Hilger & Schneider GbR

Auch andere „essbare Städte“ wachsen und gedeihen

Nun rühmt man sich in Kassel, den Begriff der „essbaren Stadt“ schon 2007 erfunden zu haben. Dort wurde ein gleichnamiger Verein gegründet. 2008 ging in englischen Todmorden in Yorkshire die Initiative „Incredible Edible Todmorden“ ans Werk.

In beiden Fällen sind jedoch Bürger und Aktivisten die treibende Kraft. Die ganze Sache sei mit Freunden am Küchentisch geboren, sagt Pam Warhurst in einem ihrer vielen Vorträge vor internationalem Publikum. Die 69-jährige Aktivistin hat in Todmorden seither mit vielen freiwilligen Helfern Verkehrsinseln, Vorgärten und sogar Gräber eines alten Friedhofs in öffentliche Gemüsegärten verwandelt – für sie ein politischer Akt. Sie nennt es „Propaganda Gardening“.

Bepflanzung und Pflege: ein Gemeinschaftsprojekt

In der Andernach ist man da viel biederer. Geplant und finanziert wird das Ganze von der Stadtverwaltung. Bepflanzung und Pflege übernehmen städtische Gärtner, unterstützt von einem gemeinnützigen Unternehmen der Stadt, das Langzeitarbeitslose in Gärtnerei und Landschaftsbau qualifiziert.

Das Budget wächst nicht in den Himmel, die politischen Ziele schon gar nicht. „Wenn Wissenschaftler oder Stadtplaner aus München, Wien und Hamburg kommen und erst mal nach unserem Masterplan fragen, muss ich immer passen“, sagt Kosack. Man sitze einfach jede Woche zusammen und bespreche, was zu tun sei.

Allein in Deutschland haben sich mittlerweile über 100 Kommunen zur „essbaren Stadt“ ausgerufen. In Berlin haben gleich mehrere Stadtbezirke Projekte gestartet. Der Görlitzer Park etwa, seit Jahren Brennpunkt der Drogenszene in Berlin-Kreuzberg, hat heute eine eigene Streuobstwiese. Es ist eine von immerhin 87 im Stadtgebiet. Ob Apfel, Birne und Quitte das Verhältnis von Dealern und Anwohnern kitten können, bleibt abzuwarten.

Gemeinschaftsgarten: Vor allem die mobilen Kräuterbeete locken immer wieder Passanten zum Zupfen und Schnuppern.
Foto: 90Grad Photography/Hilger & Schneider GbR

Urban Gardening ist kein Selbstläufer

An anderer Stelle sind die Erfolge eher durchwachsen: Während in Kassel sehr viel passiert, bleiben Websites von anderen vermeintlich „essbaren Städten“ seit Jahren ungepflegt. Wie es um die Beete steht, mag man nur mutmaßen. „Vieles versandet nach der ursprünglichen Euphorie“, sagt Kosack. „Eine essbare Stadt‘ kostet Geld und viel Arbeit. Das ist kein Selbstläufer.“

Lohnt es sich denn? Auch in Andernach ist man weit davon entfernt, den Gemüsehandel überflüssig zu machen. Aber die biologische Vielfalt in der Stadt nimmt zu, und man leistet „ein bisschen Beziehungsarbeit zwischen Mensch und Pflanze“, wie Kosack es nennt. Die scheint zu fruchten: Bürger aus allen Milieus trifft man in Andernach vereint am Beet zum urbanen Farming. Es sei regelrecht schick geworden, sich fürs Abendessen noch schnell etwas zu pflücken, ist zu hören.

Auch die Touristen zieht es nach Andernach und in die Beete – manchmal gleich omnibusweise, was dann schnell das Ende für die Kohlrabiernte bedeuten kann. Aus anfangs zehn Führungen pro Jahr sind über 170 geworden. Der Faltplan mit allen Pflückstellen wird gerade wieder überarbeitet. Zur deutschen und englischen Version kommt eine französische hinzu – so können noch mehr Touristen die essbare Stadt Andernach erleben.

Erstveröffentlichung: passt!, Ausgabe 03/2019

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