Illustration Köpfe und Erinnerung
Nicht jedes Gehirn funktioniert gleich, doch unser Gedächtnis ist eines der wichtigsten Charaktermerkmale des Menschen und macht uns erst zu Kulturwesen.
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Zukunft Mensch Leben

Der Prozess des
Erinnerns macht uns zu dem, was wir sind

Was ist Erinnerung? Und warum war und ist sie für die Evolution des Menschen so elementar? Dieser Frage ist der Hirnforscher Prof. Dr. Martin Korte im Rahmen der Jubiläumskommunikation zum 50-jährigen Bestehen von DATEV auf den Grund gegangen.

Jeder – zumal runde – Geburtstag enthält eine Aufforderung, sich dessen bewusst zu werden, wie man wurde, was man ist. Das ist bei Organisationen nicht anders als bei Personen. Für den renommierten Hirnforscher Prof. Dr. Martin Korte eine Gelegenheit, dem Prozess des Erinnerns ganz persönlich nachzugehen.

„NUN KANN ICH GEHEN; GEHEN LERNEN NICHT MEHR.“

Walter Benjamin (1892–1940) in:
„Berliner Kindheit um neunzehnhundert“.

Wir sind, was wir geworden sind.

Aber nicht nur wir als Personen, sondern noch genereller kann man sagen, dass das Leben selbst in vielerlei Hinsicht auf Erinnerung an Vergangenes beruht. Genetisches, neuronales und kulturelles Gedächtnis formen Spezies ebenso wie Kulturen und eben auch Individuen. Das elementarste und allen Leben eigene Gedächtnis ist hierbei das genetische. Schon im Körperbau eines Lebewesens zeigen sich viele Anpassungen, die im Laufe der Evolution entstanden sind. Entsprechend sind solche Anpassungen natürlich auch im Aufbau und in den biochemischen Vorgängen eines jeden Nervensystems zu finden.

Einige Eigenschaften des Gehirns sind bereits zum Zeitpunkt der Geburt angelegt oder genetisch vorprogrammiert. Um aber innerhalb einer sich wandelnden Umwelt besser zu überleben, haben Tiere die Fähigkeit entwickelt, Verhaltensweisen im Laufe ihres Lebens abzuändern und an neue Situationen anzupassen, und zwar aufgrund von individueller Erfahrung. Lernen kann also definiert werden als eine erfahrungsabhängige Generierung von andauernden, internen Repräsentationen – andauernd meint hier wenige Sekunden bis viele Jahrzehnte.

Gedächtnis ist die Erhaltung dieser internen Repräsentationen, Erinnern demnach das Benutzen dieses Informationsspeichers in neuronalen und verhaltensbezogenen Operationen. Bei uns Menschen sind Effektivität und Kapazität von Lern- und Gedächtnisvorgängen besonders stark ausgeprägt und halten bis in das hohe Lebensalter hin an. Unsere diesbezüglichen Fähigkeiten sind neben unserer Sprache die Grundlage und Voraussetzung unserer Kultur und unserer individuellen Persönlichkeit – Erinnerungen definieren, wer wir sind. Die Mechanismen von Lernen, Gedächtnis und Erinnern nicht verstanden zu haben hieße deshalb, auch etwas Elementares über uns selbst nicht zu verstehen. Lernen und Gedächtnis sind hierbei essenzielle Komponenten jeder kognitiven Leistung, und das Gehirn muss hierbei eine ungeheuer komplizierte Aufgabe erfüllen, da es nicht nur den kontinuierlichen Fluss an Sinnesinformationen verarbeiten muss, sondern es muss zur gleichen Zeit in der Lage sein, Erinnerungen, zum Teil für ein Leben lang, zu speichern oder abzurufen.

Mann bringt Kind auf Strasse Fahrradfahren bei
Erinnerungen setzen sich nicht nur aus Bildern und anderen Sinneswahrnehmungen, sondern auch aus Emotionen zusammen. Oft sind sie ein Leben lang abrufbar. Doch wie funktioniert es, dieses Erinnern?
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Erinnerungsprozesse hierbei nur aus einer objektivierbaren neurowissenschaftlichen Perspektive zu betrachten würde allerdings zu kurz greifen. Zwar gilt in der Tat, dass der Mensch natürlich Fleisch und Blut, aufrechter Gang, Leber und Gehirn ist, auf der anderen Seite sind unsere Erinnerungen auch voller Leidenschaft, Freude, Angst, Zweifel, Liebe; natürlich sind diese Erinnerungen manchmal auch grausam, empathisch, stumpfsinnig oder klug. Und offensichtlich meint hier „natürlich“ nicht „Natur“, sondern es ist klar, dass der Mensch vor allem ein Kulturwesen ist – im Guten wie im Schlechten. Und diese Kultur basiert auf der Fähigkeit, ein Leben lang zu lernen und das Gelernte zu erinnern. Dafür benötigen wir ein Gehirn, dessen Nervenzellen unser Denken ermöglichen und es dem Menschen erlauben, ein autobiografisches Gedächtnis zu entwickeln.

Evolutiv betrachtet ist das Hauptcharakteristikum der Spezies Mensch unsere Fähigkeit, ein so überragendes Gedächtnis zu haben, und erst das macht uns zu Kulturwesen. Sich erinnern zu können und anhand des Gelernten eine Zukunft zu planen, vorherzusehen, überhaupt anzuvisieren oder die Vergangenheit zu interpretieren und sich selbst im gedanklichen Spiegel zu sehen, das ist ein, wenn nicht das wichtigste, Arkanum (Geheimnis/Geheimmittel) menschlicher Existenz.

Erinnerungen sind nur ein Blitz inmitten einer langen Nacht. Aber dieser Blitz ist alles. Und diese Erinnerungen haben in erster Linie einen Inhalt und erst in zweiter Linie ein „neuronales Korrelat“ – also das, was man etwa als erhöhten Sauerstoffgehalt des Blutes in den Bildern des Magnetresonanztomografen (MRT) sehen kann. Und natürlich sind all das keine Antworten auf die Frage, wie der Mensch erinnert, sondern nur Gedanken eines Martin Korte entlang dieser Frage.