Earthship in Deutschland Außenwand mit großer Fensterfront
Prägnante Optik: Die längliche Form und die gläserne Front sind typische Merkmale eines Earthship-Hauses. Foto: Ellmar Witt
Zukunft Mensch Leben

Das Earthship macht es möglich: unabhängiges und nachhaltiges Wohnen

Rohstoffe sind endlich und damit ein knappes Gut. Unser Umgang damit ist entscheidend für unsere Zukunft – viel weniger gehört auf die Müllkippe, wie Deutschlands erstes Earthship beweist. Für das Kundenmagazin „passt!“ von BAUHAUS gehen wir dem experimentellen Bau auf den Grund.

Das erwartet Sie hier

Wohngebäude mit ausgegliederten Schlafzimmern
Autoreifen als Wärmespeicher
Autark wohnen und leben
Schaumglas dämmt das Earthship-Haus
Wunderwerkstoff Lehm
Earthships: weltweites Wohnexperiment

Felder, Weiden, dazwischen ein sich im Wind wiegendes Maisfeld oder das leuchtende Gelb von Sonnenblumen – so weit das Auge reicht. Die Fahrt führt über schwäbische Landstraßen in Richtung Kreßberg, einer kleinen Gemeinde zwischen Heilbronn und Nürnberg gelegen. Bauernhöfe, ab und zu ein paar Kühe oder ein kleines Dorf. Die Fahrt endet im Ortsteil Tempelhof, einer Ansiedlung großer, gepflegter alter Landhäuser. Hier steht es, das erste Earthship Deutschlands. Gebaut wurde das „Erdschiff“ zu großen Teilen aus recycelten Materialien. Abfall, könnte man auch sagen. Doch wer glaubt, ein Müll-Haus schaut nach Müll aus, der irrt. Und zwar gewaltig.

Bunter Durchblick: Für die sogenannten Bottle-Bricks werden die Böden alter Glasflaschen in die Wände des Earthships eingelassen
Foto: Ellmar Witt

Wohngebäude mit ausgegliederten Schlafzimmern

„Das hier ist unser Flur“, sagt Magdalena Kloibhofer zur Begrüßung und zeigt mit einer ausgreifenden Handbewegung auf eine Grünfläche. In der Mitte steht ein Zelt, innen behängt mit bunten Tüchern, gemütliche Couch-Garnituren und Sessel stehen in einem Kreis. Schotterwege führen von einem großen, länglichen Gebäude mit imposanter Glasfront um die Grünfläche und das Zelt herum zu mehreren Bauwagen und Jurten.

Alles in einem: Im großzügigen und luftig gestalteten Wohn- und Esszimmer mit integrierter Küche spielt sich das Leben im Earthship ab.
Foto: Ellmar Witt

In Deutschland hat bekanntermaßen alles seine Ordnung. Auch experimentelles Bauen. Es fällt unter die Paragrafen für experimentelles Bauen und Wohnen, wie es im Behördendeutsch heißt. Genau genommen handelt es sich bei dem Earthship daher um ein „Wohngebäude mit ausgegliederten Schlafzimmern“.

Die Schlafzimmer, das sind die geräumigen Bauwagen und Jurten, die Grünfläche stellt den Flur dar, das Earthship selbst beherbergt die Bäder, Duschen, Toiletten und natürlich das Herzstück: den großen Wohnraum mit offener Küche. Etwa 150 Quadratmeter ist das Gebäude groß. Neben seiner Bauweise aus größtenteils recycelten Materialien weist es noch eine Besonderheit auf: Es ist komplett autark.

Autoreifen als Wärmespeicher

Was Autarkie in diesem Fall bedeutet? Dass sämtliche Energie für Wärme und Strom selbst erzeugt wird – Wohnen ohne Nebenkosten. Möglich macht das die besondere Bauweise des Recycling-Gebäudes. 980 alte Autoreifen bilden die Grundlage für den Erdwall auf der Richtung Norden liegenden Rückseite des Hauses. Sie wurden mit gepresster Erde verdichtet, wiegen pro Reifen zwischen 180 und 220 Kilogramm und sind ein hervorragender Wärmespeicher.

„Lehm ist ein toller Werkstoff. Er nimmt viel Feuchtigkeit und zugleich viele Schadstoffe auf. Wie ein Filter.“

Max Thulé

Autark wohnen und leben

Die Sonne wird nicht nur von den Solarpaneelen auf dem Dach, sondern auch auf der Südseite des Gebäudes genutzt. Über die gesamte Hauslänge von rund 30 Metern erstreckt sich hier die gläserne Front mit dem dahinter liegenden Wintergarten. Hier wachsen Feigen, Maracujas, Tomaten, Bananen und unzählige Gewürze. Denn auch was die Nahrungsmittel angeht, ist man zu etwa 80 bis 90 Prozent autark, erklärt Gärtnerin Maya Luko.

Ebenso ausgeklügelt ist das Heizsystem des Gebäudes: Im Erdwall mit den vielen Autoreifen sind Rohre verlegt, durch die Frischluft transportiert und erwärmt wird. Das raffinierte System ersetzt eine klassische Heizung.

Heiße Angelegenheit: Michael Stang misst die Temperatur im Biomeiler des alternativen Wohngebäudes. Sie liegt konstant bei über 80 Grad Celsius.
Foto: Ellmar Witt

„In diesem Haus steckt enorm viel Know-how, das man gar nicht wirklich sieht. Aber am Ende muss es ein in sich funktionierendes System sein“, erklärt Max Thulé. Er ist seit der ersten Minute dabei und gehörte zum 70-köpfigen Team von Freiwilligen aus der ganzen Welt, die das erste deutsche Earthship 2016 in sieben Wochen gebaut haben. Zum Team gehörte auch der US-amerikanische Architekt Michael Reynolds – er ist der Erfinder der Bauweise.

Schaumglas dämmt das Earthship-Haus

Und wie schaut es mit der Dämmung aus? Dämmmaterialien haben häufig nicht den besten ökologischen Fußabdruck, erklärt Max Thulé. Doch es gebe eine gute Alternative zu den herkömmlichen Materialien: Schaumglas. Es hat sehr gute Dämmeigenschaften und wird zu 60 Prozent aus recyceltem Altglas hergestellt. An manchen Stellen wurde zwar auch mit Polystyrolschaum gedämmt, doch unter dem Betonboden liegen 90 Kubikmeter Schaumglasschotter.

Glas wurde auch an anderen Stellen verwendet: 7.500 alte Glasflaschen wurden innerhalb von drei Monaten bei Geschäften in der Region gesammelt und anschließend zu sogenannten Bottle-Bricks verarbeitet. Diese Elemente verzieren nun die Eingangsfront, und eine Innenwand zwischen Küche und Bad sorgt für bunte Lichtreflexionen an den Wänden, sobald die Sonne auf sie fällt.

Wunderwerkstoff Lehm

Ein weiterer wichtiger Baustoff des energieautarken Hauses ist Lehm, welcher von einem nahegelegenen Teichgrundstück geholt wurde. „Lehm ist ein toller Werkstoff. Er nimmt viel Feuchtigkeit und zugleich viele Schadstoffe auf. Wie ein Filter“, erklärt Thulé. Türen und Dach sind aus Holz, das sorgt neben den Lehmwänden für eine warme und wohnliche Atmosphäre. Aus alten Fliesen wurden Mosaike zusammengesetzt und in die Wände eingelassen.

Earthships: weltweites Wohnexperiment

Das Konzept begeistert und interessiert Menschen auf der ganzen Welt. Mehr als 1.000 offizielle Earthships gibt es mittlerweile – von Kanada bis nach Indien, von Afrika bis Haiti. Deshalb findet hier im schwäbischen Kreßberg auch einmal in nahezu jedem Monat eine Führung für knapp 90 Personen statt. Häufig informieren sich die Besucher über Klimaschutz und Nachhaltigkeit, um Teilaspekte des Deutschen Earthships in ihre eigenen Bauvorhaben zu übernehmen.

Warme Farben: Wände aus Lehm, hölzerne Dachsparren sowie verschiedene Deko-Elemente sorgen im Earthship für eine wohnliche Atmosphäre.
Foto: Ellmar Witt

Doch das Earthship in Tempelhof ist noch viel mehr als nur ein nachhaltiges Gebäude. Es ist ein Wohn-Experiment. Im energieautarken Haus und seinen „Schlafzimmern auf Rädern“ leben 20 Menschen im Alter zwischen 3 und 71 Jahren. Jeder hat sein eigenes Reich, doch die Küche, der Wohnraum, Bad und Toiletten werden geteilt. Die unterschiedlichen Erfahrungswerte und Fähigkeiten tragen dazu bei, dass man sich in dieser Gemeinschaft hervorragend ergänzt, findet Maya Lukoff.

Auch Magdalena Kloibhofer zieht ein durchweg positives Fazit dieser Form des autarken, alternativen Wohnens: Es sei etwas Besonderes, mit Menschen zusammenzuleben, die eine gemeinsame Vision von Nachhaltigkeit haben, sagt sie. Hier in Tempelhof ist diese Vision Wirklichkeit geworden.

Erstveröffentlichung: passt!, Ausgabe 04/2018