Ökosystem Wald
Durch das dichte Dach der Baumkronen fällt nur wenig Licht auf den Waldboden. Die jungen Bäume wachsen dadurch langsam, aber stabil. Foto: Jan Huber/unsplash
Zukunft Mensch Leben

Schützt das
Ökosystem Wald!

Der Wald ist für uns lebenswichtig. Wir nutzen Holz, der Wald ist CO2-Speicher, Sauerstoff-Produzent und hält uns gesund. Aber Klimaerwärmung, Dürre, Schädlinge und die Forstwirtschaft bringen das Ökosystem Wald in Gefahr. Der Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben weiß, was zu tun ist.

Das erwartet Sie hier:

Gesunder Wald kühlt und speichert Kohlenstoff
Wald hilft gegen Luftverschmutzung
Das Ökosystem Wald macht uns gesund
Der Hüter des Waldes
Die Natur in Ruhe lassen
Für Toilettenpapier ist Holz zu wertvoll

Wald, das ist für Peter Wohlleben weit mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Wo wir Stadtmenschen beglückt einen Wald zu sehen glauben, sieht Wohlleben eine öde, tote Fichtenplantage. Eine weitgehend sinn- und zwecklose Monokultur, bestehend aus Pflanzen, die hier nichts zu suchen haben. Der deutsche Wald, sagt Peter Wohlleben im Interview mit passt!, dem Kundenmagazin von Bauhaus, müsste eigentlich aus Buchen und Eichen bestehen. In Wirklichkeit sind 26 Prozent des deutschen Waldes Fichten und 23 Prozent Kiefern. Peter Wohlleben: „Unsere ursprüngliche Bewaldung waren Buchen. Wir haben hier überwiegend künstliche Wälder. Fichten und Kiefern kommen aus der Taiga und dem nördlichen Skandinavien. Die haben hier nichts zu suchen.“

Diese Fichten- und Kiefernwälder wurden hierzulande erst in den letzten Jahrhunderten angelegt, als man dem ursprünglichen deutschen Mischwald weitgehend den Garaus gemacht hatte, weil man das Holz zum Heizen und Bauen verbraucht hatte. Die schnellwachsenden Kiefern und Fichten versprachen raschen Holzertrag. Allerdings taugt ihr Holz wenig, und die Plantagen haben kaum etwas mit einem gesunden Ökosystem Wald zu tun.

Gesunder Wald kühlt und speichert Kohlenstoff

Dabei brauchen wir gesunden Wald so dringend, gerade in Zeiten der Klimaerwärmung. Denn gesunder, möglichst naturbelassener Wald hat viele Funktionen:

Wälder mit ihren Schatten spendenden Kronen sind kühle Inseln in der Landschaft. Peter Wohlleben weiß: „In einem intakten Wald ist es im Sommer bis zu 15 Grad kühler als außerhalb.“

Sonnenuntergang im Urwald
Im Schutz der belaubten Kronen alter Buchen kann sich der Wald gesund weiterentwickeln.
Foto: Wohllebens Waldakademie

Zehn Tonnen CO2 entzieht jeder Hektar Wald der Atmosphäre jährlich und bindet es in Form von Kohlenstoff. Eine Buche etwa bindet pro Jahr 12,5 Kilo des Treibhausgases. In der ober- und unterirdischen Biomasse in deutschen Wäldern werden 1,2 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Zusätzlich sind 850 Millionen Tonnen Kohlenstoff in deutschen Waldböden gespeichert, knapp zwei Drittel davon in den oberen 30 Zentimetern des Mineralbodens! Der Wald in Deutschland entlastet die Atmosphäre jährlich um rund 52 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Gleichzeitig produzieren Wälder bei der Photosynthese Sauerstoff. Zwar verbrauchen Sie auch selbst eine Menge davon, aber unterm Strich bleibt noch ein ordentlicher Rest zu unserer Verfügung.

Wald hilft gegen Luftverschmutzung

Pro Hektar filtern unsere Wälder jährlich bis zu 50 Tonnen Ruß und Staub aus der Atmosphäre.

Wälder sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Großzügig gerechnet haben in Deutschland 1,2 Millionen Menschen beruflich mit Holz zu tun. Es geht um eine Wirtschaftsleistung von 170 Milliarden Euro im Jahr.

Das Ökosystem Wald macht uns gesund

Und schließlich, und das ist für eine Gesellschaft vielleicht sogar der wichtigste Punkt, ist der Wald unser kulturelles Erbe und für unser Wohlbefinden von großer Bedeutung. Peter Wohlleben beschreibt den Effekt, den das Ökosystem Wald auf Menschen hat: „Der Wald ist unser ursprünglicher Lebensraum. Mensch ohne Wald ist nicht denkbar. Die gesamte Entwicklung unseres Gehirns hängt mit dem Wald zusammen. Wir haben darin Nahrung gefunden und Holz, um ein Feuer zu machen und sie zuzubereiten und um uns zu wärmen. Nur durch den Wald konnten wir uns weiterentwickeln. Wir gehören einfach in den Wald. Die Ausdünstungen der Bäume, die angenehme Kühle und die Geräuschkulisse sorgen zum Beispiel dafür, dass wir ganz direkt körperlich reagieren: Der Blutdruck sinkt, Rezeptoren sagen dem Körper, dass er sich hier wohlfühlen kann. Unser Unterbewusstsein reagiert selbst auf einzelne Bäume. Wir nehmen die Reize unterbewusst auf, zum Beispiel die höhere Luftfeuchtigkeit, die in der Nähe jedes Baums herrscht. Jeder Baum zählt. Es gibt Untersuchungen, dass bei einer bestimmten Dichte an Stadtbäumen die Lebenserwartung um ein Jahr steigt. Bäume sind Lebewesen, die miteinander kommunizieren, durch Duftstoffe etwa. Sie wehren sich gegen Schädlinge und warnen sich gegenseitig davor. Ja, man kann sogar sagen, Bäume haben Gefühle. Und mit diesen Lebewesen um uns herum fühlen wir uns geborgen.“ Kein Wunder, dass rund 55 Millionen Deutsche den Wald mindestens einmal jährlich besuchen. Die Hälfte der Deutschen sogar alle 14 Tage oder öfter.

Der Hüter des Waldes

Peter Wohlleben ist so etwas wie der Schutzpatron des deutschen Waldes geworden. Man kann ihn für einen Romantiker halten, aber er hat mit seinen zahlreichen Büchern, vor allem mit dem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ (erschienen 2015), Millionen Menschen in Deutschland die Liebe zum Wald zurückgegeben. Wohlleben kämpft an zahlreichen Fronten vehement dafür, dem deutschen Wald wieder zu seinem Recht zu verhelfen.

Peter Wohlleben
Ein Leben für den Wald: Peter Wohlleben ist Förster und – manchmal provozierender – Bestseller-Autor und hat den deutschen „ihren“ Wald wieder nähergebracht.
Foto: Wohllebens Waldakademie

Nicht irgendeinem Wald, sondern Wald in seiner möglichst natürlichen Variante. Als Mischwald, vor allem bestehend aus Buchen, die langsam und lange wachsen dürfen. Die Kronen dieser Buchen bieten ein schützendes Blätterdach, durch das nur wenig Licht auf den Waldboden fällt. Dieser Waldboden ist Lebensraum für eine enorme Menge an Organismen: Pilze, Einzeller, Insekten. Ein intaktes Ökosystem Wald speichert unter anderem auch große Mengen Feuchtigkeit. Peter Wohlleben sagt: „Wir haben wahrscheinlich erst 10 bis 20 Prozent der Arten im Wald entdeckt – natürlich vor allem die oberflächlich sichtbaren. Aber was da alles noch im Boden steckt, sind Arten im sechsstelligen Bereich, die es noch zu entdecken gibt. Wir kennen sozusagen nur die Spitze des Eisbergs und haben das Ökosystem Wald erst ansatzweise verstanden. Das bedeutet, wir müssen versuchen, darin so wenig Schäden wie möglich anzurichten.

Die Natur in Ruhe lassen

Viele Forstverwaltungen und Waldbesitzer sind auf raschen Ertrag aus. Aber immer mehr erkennen, dass die Folgen der Klimaerwärmung sie ganz direkt Geld kostet: Flachwurzelnde, schnell hochgezogene Fichten und Kiefern bieten den immer häufigeren Stürmen keinen Widerstand, Dürre und Schädlinge wie der Borkenkäfer geben den Monokulturen den Rest. Und vorbei ist’s mit der schnellen Rendite.

Man müsse längerfristig denken, sagt Peter Wohlleben. Er macht sich für großflächige Schutzwälder stark, wo der Mensch nicht in die Natur eingreift, keine Bäume fällt und umgestürzte Bäume im Wald verbleiben dürfen. Bislang gelten weniger als 1 Prozent des deutschen Waldes als „geschützte Wildnis“. Echten Urwald gibt es nicht mehr.

Wohlleben, der einst als klassischer Forstbeamter begann, sieht durchaus auch den Wirtschaftsfaktor Wald. Er plädiert für eine nachhaltige Waldwirtschaft, die sich auch wirtschaftlich rechnet: „Das Holz aus langsam wachsenden Wäldern hat durch seine viel bessere Qualität einen bis zu 40-fach höheren Wert. Man braucht nur mehr Geduld und muss längerfristig denken.“

Für Toilettenpapier ist Holz zu wertvoll

Und wir sollten vielleicht einmal darüber nachdenken, ob wir wirklich so viel Holz verbrauchen müssen. Zwar fallen bei uns nicht jedes Jahr 25 Millionen Bäume der Verarbeitung zu Essstäbchen zum Opfer wie in China. Aber den wertvollen Rohstoff Holz für blütenweißes Toilettenpapier oder Küchenkrepp zu verwenden – jeder fünfte weltweit gefällte Baum wird zu Papier verarbeitet – oder ihn in Kraftwerken zu verfeuern ist ähnlich unsinnig.

Wir brauchen das Ökosystem Wald – für unser Klima, für unsere Gesundheit und für unser Wohlbefinden.