Unsere Zukunft und unser Glück sind eng miteinander verbunden. Dabei ist nicht alles so überraschend und unkalkulierbar wie ein Glückskeks – vieles haben wir auch selbst in der Hand. Foto: Stocksy
Zukunft Mensch Leben

Staat, Wirtschaft und Endorphine – über die Zukunft des Glücks

Das Bruttoinlandsprodukt steigt kontinuierlich an – unser Glücksempfinden hingegen stagniert weitgehend. Woran liegt das? Ist Wirtschaftsmacht gar nicht die härteste Währung eines Staats? Unser Autor Alexander Zimmermann sprach mit Gina Schöler, Gründerin des „Ministeriums für Glück und Wohlbefinden“.

Eine allgemeingültige und objektive Definition für Glück zu finden ist fast ebenso schwer wie folgende Frage zu beantworten: Bin ich glücklich? Ich kann mir Ziele setzen, kann schauen, ob ich diese erfüllt habe – aber glücklich bin ich deswegen noch lange nicht. Natürlich gibt es Indikatoren, die man zu Hilfe nehmen kann, um Antworten zu finden. Auf der Makro-Ebene kann man beispielsweise einen Blick in den Glücksatlas werfen; eine von der Deutschen Post in Auftrag gegebene Studie auf Grundlage von Daten des Instituts für Demoskopie Allensbach. Dann erfährt man, dass das subjektive Glücksempfinden der Deutschen im Jahr 2019 auf dem höchsten Stand seit der ersten Studie dieser Art im Jahr 2010 war. 7,14 Punkte auf der von 0 bis 10 reichenden Glücks-Skala. Im Jahr 2018 waren es noch 7,05 Punkte. Aha… „Was heißt das denn jetzt in Endorphinen, also Glückshormonen?“, fragt sich da der Biologe. „Gibt es Glück überhaupt? Und kann man es wirklich bemessen?“, will der Philosoph wissen. Wir halten fest: Ob 7,14 oder 7,05 – es sind abstrakte Werte, die sich aus subjektiven Empfindungen einer repräsentativen Menge an Bundesbürgern zusammensetzen. Auf der Mikro-Ebene fällt es uns vermeintlich leichter. In einem Gespräch mit Freunden, bei einem Date oder beim Abendessen mit der Familie können wir auf andere Indikatoren achten: ein Lächeln, ein lautes Lachen, Blicke – Gesten der Zufriedenheit.

Doch Glück ist subjektiv. Wer lacht, muss noch lange nicht glücklich sein, und wer ernsten Blicks durch die Straßen schreitet, ist nicht zwangsläufig unglücklich.

Die Suche nach dem persönlichen Glück ist so alt wie die Menschheit selbst. Und geht es nach Bestseller-Autor und Historiker Yuval Noah Harari („Eine kurze Geschichte der Menschheit“), stehen auf der Agenda für die Zukunft zwei elementare Punkte:
1. Den Tod überlisten.
2. Unser Glück finden.

Vorbild: Bhutan

Auf der Suche nach dem Glück reist Gina Schöler um die ganze Welt. In unterschiedlichsten Ländern führte sie Gespräche mit Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen.
Foto: Daniel Clarens

Doch wie findet man das Glück, welche Rolle spielt der Staat dabei, und was hat die Umwelt damit zu tun? Gina Schöler beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema. Kein Wunder, ist die gebürtige Mannheimerin doch selbst ernannte Glücksministerin Deutschlands, Mitwirkende der Regierungsstrategie „Gut leben in Deutschland“ und hat vor acht Jahren das „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ gegründet. Wie kommt man auf so eine Idee?

„Das ‚Ministerium für Glück und Wohlbefinden‘ war ursprünglich das letzte Projekt in meinem Masterstudiengang für Kommunikationsdesign. Unsere Aufgabe lautete, eine Kampagne zu kreieren, die einen positiven Wertewandel herbeiführt und moderiert. Bei der Recherche bin ich auf das Beispiel Bhutan gestoßen und habe dieses auf den deutschen Kontext übertragen. Seitdem hat das ‚Ministerium‘ mein Leben verändert“, sagt Schöler.

Und was hat es auf sich mit dem Land Bhutan im Osten des Himalayas, das gerade einmal so viele Einwohner hat wie Frankfurt am Main? Ein kurzer Exkurs: Das Königreich änderte in den 1970er-Jahren seine Verfassung, nachdem der junge König Jigme Singye Einwohner des Landes nach ihren persönlichen Wünschen und Zielen befragt hatte. So unterschiedlich die Antworten auch waren, sie alle ließen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Glück. Die Menschen wollen glücklich sein. Also wurde das „Bruttonationalglück“ eingeführt und die Zufriedenheit der Bürger – in Verbindung mit wirtschaftlichen Indikatoren – zum obersten Staatsziel erklärt. Die Erkenntnis war ebenso tiefgreifend wie einfach: Eine Regierung ist dazu da, die Bürger glücklich zu machen beziehungsweise die Rahmenbedingungen für ein zufriedenes und glückliches Leben der Einwohner zu schaffen. Andernfalls verliert sie ihre Legitimation.

Nun geht es in der deutschen Wahlkampf-Landschaft – egal ob auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene – um viele Themen. Renten, Steuern, Tempolimits, Zuwanderungsgesetze … nur Glück sucht man auf der politischen Agenda vergebens. Eine Tatsache, die sich in Zukunft ändern könnte. Doch die Frage bleibt: Welche Rolle spielt der Staat bei der Suche nach dem Glück?

„Ich würde mir ja nicht das Thema Bruttonationalglück auf die Fahnen schreiben, wenn ich hier keinen Zusammenhang sehen würde“, lacht die 33-jährige Gina Schöler. „Der Umgang in Bhutan mit diesem Thema war ja der initiale Gedanke. Das hat bei mir eine Art Gedankenspiel angestoßen. Ich habe begonnen, mich zu fragen: Warum machen wir das hier eigentlich? Mit WIR meine ich Privatpersonen ebenso wie die ganze Gesellschaft und die politische Ebene. Es ging und geht mir dabei sozusagen um die Sinnfrage. Die Antwort darauf müsste doch lauten, dass unser Handeln stets zum Ziel hat, dass es uns – und damit auch der Umwelt – gut geht“, sagt sie.

Zwischen Wirtschaftsindikatoren und Zufriedenheit

Zum Reisegepäck gehört jede Menge Fröhlichkeit. Seit Gina Schöler das „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ ins Leben gerufen hat, hat sich viel getan.
Foto: Elmar Witt

Bislang ist Bhutan das einzige Land weltweit, welches das Bruttonationalglück in seiner Verfassung verankert hat. Doch die Bestrebungen, die Zufriedenheit der Bürger und das damit verbundene subjektive Glück mit wirtschaftlichen Indikatoren eines Landes zu kombinieren, nehmen zu. So untersuchten im Jahr 2017 Wissenschaftler der Columbia University in New York Zusammenhänge zwischen dem subjektiven Glücksempfinden, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), Lebenserwartung, geistiger Gesundheit und weiteren Faktoren wie beispielsweise dem Vertrauen in die eigene Regierung – für 155 Länder. Das Ergebnis: Glück ist nicht zwangsläufig an eine starke Wirtschaft gekoppelt, wohl aber an die Gesellschaft und das soziale Umfeld. Gut zu sehen ist dies am Beispiel Costa Rica: Zwar erwirtschaften die Bürger hier durchschnittlich nur ein Fünftel (rund 12.000 US-$) im Vergleich zu Singapur (BIP pro Kopf ca. 64.000 US-$) – in Umfragen liegt die Lebenszufriedenheit der Costa Ricaner jedoch Jahr für Jahr über jener der Einwohner von Singapur. Ein weiteres Beispiel sind die USA. Geht man nach dem reinen Bruttoinlandsprodukt, sind sie mit 19,3 Billionen Dollar unangefochtener Spitzenreiter. Im aktuellen World Happiness Report belegen sie gerade einmal den 19. Platz. Sollten wir also von der reinen Wirtschaftsdenkweise und dem BIP hin zu einem Bruttonationalglück, Frau Schöler?

„Irgendwelchen Zahlen und reinem Gewinnstreben hinterherzurennen, das ist in meinen Augen nicht zukunftsfähig. Wir müssen unser Wohl in den Mittelpunkt stellen. Wie das funktionieren kann ist natürlich noch mal eine ganz andere, subjektive Frage und die Antwort darauf sicherlich von Staat zu Staat unterschiedlich.“

Ob wir missmutig oder positiv in die Zukunft blicken, das hängt nicht zuletzt mit unserem Glücksempfinden und unserer Erwartungshaltung zusammen. Wie wir das gesellschaftliche Leben im öffentlichen Raum so gestalten können, dass wir glücklicher und zufriedener sind, das wurde 2017 im Stuttgarter Rathaus diskutiert. Gast damals: der Programmdirektor des Zentrums für Bruttonationalglück und Leiter des „Gross National Happiness Centre“ in Bhutan, Dr. Tho Ha Vinh. Seine Aussage war klar: „Das Bruttonationalglück ist keine Utopie, sondern eine Chance für die ganze Welt.“ Wie groß das Interesse am Thema Glück mittlerweile auch innerhalb der Wirtschaft und der Arbeitswelt ist, weiß Gina Schöler aus eigener Erfahrung. „Als ich mit dem ‚Ministerium‘ begonnen und überlegt habe, wie ich mich ohne Sponsoren finanzieren und auf eigenen Beinen stehen kann, habe ich Angebote konzipiert, die ich als Dienstleistungen angeboten habe. Workshops, Gesprächsrunden, Beratung – so was. Damals bin ich an viele Firmen herangetreten und habe sie gefragt, ob sie nicht Interesse am Thema Mitarbeiterzufriedenheit hätten. Da wurde ich sehr oft belächelt. Im Laufe der Zeit kamen dann allerdings viele Leute und Unternehmen wieder auf mich zurück.“ Die Gründe dafür waren oft ähnlich: Gute Mitarbeiter sind gegangen, der Fachkräftemangel hat sich bemerkbar gemacht, die Arbeitnehmer waren häufig krankgeschrieben, litten unter Burn-out oder Depressionen. „Dann wurde vielen Unternehmen bewusst, dass man vielleicht auch mal präventiv gegen diese Probleme vorgehen kann. Unter anderem daraus hat sich dann ja auch die ganze New-Work-Welle entwickelt, die wir nun seit ein paar Jahren haben. Der Faktor Mensch spielt heute eine ganz andere Rolle als noch vor acht Jahren“, sagt Schöler. Das Wichtige dabei: Es geht nicht um ein reines Wohlfühl-Thema. „Es geht auch um knallharte Zahlen und Fakten. Menschen sind produktiver, wenn sie glücklich und zufrieden sind. Man kennt das doch von sich selber: Wenn ich richtig Lust auf meine Arbeit habe, wenn ich im Flow bin, dann bin ich wie ein Duracell-Häschen.“

Wie sieht die Zukunft des Glücks aus – und was haben unsere Erwartungen mit einem Luftballon gemeinsam? Mit diesen Fragen hat sich Gina Schöler bei ihrem TEDx Talk beschäftigt.
Foto: TEDx Koenigsallee

Aber wie geht das eigentlich? Welche Methoden wendet man bei einem Glücks-Workshop im Arbeitsumfeld an?

„Da gibt es natürlich verschiedene. Ein Beispiel sind positive und alltagstaugliche Impulse, die spielerisch rübergebracht werden und somit inspirieren, sich mit wichtigen Themen auseinanderzusetzen.“

Was wären das zum Beispiel für Themen?

„Kommunikation, Achtsamkeit und Stressbewältigung gehören definitiv dazu. Aber auch Themen wie Selbst-Reflexion und -Fürsorge.“

Und wie gelingt es Ihnen, bei einer Gruppe fremder Menschen ein unmittelbares Glücksgefühl auslösen?

„So simpel es klingt: Wenn du dich echt und menschlich zeigst. Wenn du mit Herzblut bei der Sache bist und die Leute merken, dass du es ehrlich meinst, dass dir das Thema am Herzen liegt und du nicht nur darüber redest, weil Glück gerade hip ist. Diese Authentizität ist ein krasser Eisbrecher und führt unmittelbar dazu, dass sich die Menschen öffnen.“

Sind wir also manchmal nicht ehrlich genug zueinander?

 „Definitiv. Ich schließe mich da selbst nicht aus. Wir wollen Dinge schöner darstellen, als sie sind. Wollen eloquent, erfolgreich und intelligent wirken. Wahrscheinlich wollen wir damit am ehesten uns selbst etwas beweisen“, sagt sie. „Es gibt als Gegenbewegung die Philosophie der ‚Radical Honesty‘. Man muss es ja nicht ganz so radikal machen – aber es geht darum, einfach ehrlich zu sein. Bedürfnisse zu äußern, Unwissenheit zuzugeben, sich verletzlicher zu zeigen. Das ist fast schon ein Geheimrezept, um sich unmittelbar glücklicher zu fühlen.“

Realistischere Erwartungen = größeres Glück

Doch zurück zum großen Ganzen: Wir müssen – auch ohne Bruttonationalglück in unserer Verfassung – selbst an einem glücklichen Zustand arbeiten. Schließlich weiß bereits ein altes Sprichwort: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Eines steht uns dabei jedoch stets im Weg: das sogenannte Unzufriedenheitsparadoxon. Eine unsichtbare Barriere, an die unser Glück zu stoßen scheint. Obwohl die USA seit den 1950er Jahren ihre Wirtschaftsmacht vervielfacht haben, hat sich die Lebenszufriedenheit der Einwohner kaum verändert. Geschweige denn vervielfacht. „Das hat zu einem guten Teil mit unserer Erwartungshaltung zu tun. Vor allem durch die Digitalisierung, die ja per se nichts Schlechtes ist, steigt die Erwartungshaltung an sich selbst und an die eigene Zukunft stetig an. Und damit auch der Druck“, erklärt Schöler. Man steht seinem eigenen Glück also oft selbst im Weg. Oder vereinfacht ausgedrückt: Wer viel hat, will noch mehr, und es wird immer schwerer, seine Ziele zu erreichen. Sich darauf zurückzubesinnen, worum es einem selbst wirklich geht und was man tatsächlich braucht, um ein gutes Leben zu führen, kann also dabei helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nach seinen persönlichen Werten zu handeln. Bis es soweit ist und wir auf Wahlkampfplakaten das Wort „Bruttonationalglück“ sehen, können wir also etwas mehr auf uns selber achten, anderen helfen, Erwartungshaltungen hinterfragen, mit gutem Beispiel vorangehen und im besten Falle: glücklich sein.

INFO:  Weitere Informationen gibt es unter: https://ministeriumfuerglueck.de