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begrünte Doppeltürme
BEGRÜNTE DOPPELTÜRME: Die Bosco Verticale ("Senkrechte Gärten") des Mailänders Stefano Boeri. Foto: Boeri Studio / Dimitar Harizanov
Zukunft Mensch Leben

Vertikale Gärten: Das wächst zum Himmel

Das BAUHAUS Kundenmagazin passt! hat sich des Themas grüne Stadt angenommen: Wo finden wir Platz für Gärten und Parks zwischen Hochhäusern und Straßen? Eine Lösung: In die Luft gehen. Architekten und Gartenplaner bringen Grünflächen in die Vertikale. Und sorgen so für bessere Luft und mehr Lebensqualität.

Alles begann mit einem Weltwunder. Der Sage nach war es die babylonische Königin Semiramis, die ein halbes Jahrtausend vor Christus „hängende Gärten“ bauen ließ. Auch wenn es sich dabei in Wirklichkeit wohl um einen terrassiert aufgebauten Park handelte, war die Wirkung der scheinbar schwebenden Oase mitten in der Wüste auf Zeitgenossen unerhört. Als eines der Sieben Weltwunder der Antike wurden die „Hängenden Gärten der Semiramis“ zum Mythos, um den sich buchstäblich Legenden rankten.

Grün, das Wände in Beete und Häuser in Parks verwandelt, fasziniert bis heute Architekten und Stadtplaner. Die Vision ist verlockend. Vertikale Bepflanzung kann nicht nur Betonwüsten auflockern, sondern auch stickige Stadtluft filtern, Lärm dämpfen und Hitze mildern. Für viele dicht besiedelte, beengte Städte der Welt führt der einzige Weg ins Grüne himmelwärts.

Senkrechter Mischwald

So wie in der Industriemetropole Mailand. Sie ist nicht gerade für gutes Klima und weitläufige Grünflächen berühmt. Umso verblüffender wirken zwei skurrile Hochhäuser, die seit 2014 Mailands eher übersichtliche Skyline bereichern. Was von Weitem aussieht wie zwei überdimensionale Hochregale, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als senkrechter Mischwald, der die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben scheint. „Bosco Verticale“, zu deutsch „Vertikaler Wald“, heißen die beiden Türme, auf denen Moose, Gräser, Stauden, Koniferen und Laubbäume gedeihen. Der Architekt Stefano Boeri versteht sie als „einzigartiges bauliches Experiment und Modell für die Stadtzentren der Zukunft“. Das Pflanzen der 900 Bäume und 11.000 weiteren Pflanzen in die 1,30 Meter tiefen Balkonkästen nahm nur rund fünf Prozent der Baukosten in Anspruch. Eine Kleinigkeit bei dem Gewinn an Lebensqualität für die vor Hitze, Lärm, Wind und Wetter geschützten Bewohner. Sie profitieren von dem Grün wie von einem riesigen Garten: Hätte man die Bäume auf den Erdboden gepflanzt, wären dafür mindestens 7000 Quadratmeter Platz nötig gewesen.

Foto: Boeri Studio / Giovanni Nardi

In Manhattan ist Platz ein ähnlich rares Gut. 1999 kam man dort auf die Idee, die stillgelegten Gleise einer Hochbahn als Industriedenkmal zu bewahren. Mitten durch die Häuserschluchten führte die 1934 eröffnete „High Line“ als Teil der Hafen-Infrastruktur auf der West Side. Wo einst die beladenen Waggons entlangrumpelten, schlendern heute New Yorker und Touristen durch ein grünes Paradies zwischen Himmel und Erde. Ein Holzsteg, erbaut auf den ehemaligen Gleisanlagen, wurde nach zweieinhalb Jahren Bauzeit zu einem Natur-Parcours mitten in der Megacity. Dass seine Bepflanzung zum Teil der normalen Begrünung eines Bahndamms ähnelt, ist kein Zufall. Mit vielen einheimischen, wetterresistenten Sorten sollte das Gartendesign so natürlich wie möglich ausfallen und vor allem: sich selbst erhalten.

Umweltfreundliche Hochbauten

Weltweit arbeiten Architekten an einer friedlichen grünen Revolution. Ihr gemeinsames Ziel: mehr urbane Lebensqualität. Seit 2008 leben auf dem Globus mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Dabei wird der Platz immer knapper. Allein in diesem Jahr werden zwischen Ho-Chi-Minh-Stadt und Sankt Petersburg mehr als zehn über 400 Meter hohe Wolkenkratzer fertiggestellt. Grund genug für den Pariser Architekten Jacques Ferrier, ein Hochhauskonzept mit Zukunftspotenzial zu entwickeln. Sein „Hypergreen Project“ gilt als Modell für umweltfreundliche Hochbauten mit Windturbinen für regenerative Energie und hängenden Grünflächen für Licht- und Klimaschutz: „In der Stadt wirkt es nicht wie ein Monolith. Die Fassaden sind transparent, das Leben dahinter wird sichtbar – die Gärten, Büros, ein Hotel mit Kongresszentrum und die sich drehenden Windturbinen darüber.“ Mit seiner bausatzartigen Struktur ist das bisher nicht realisierte „Hypergreen Project“ für viele Städte geeignet. Ferrier stellt fest: „Für mich hat die Architektur des 21. Jahrhunderts entweder eine ökologische Zukunft oder gar keine.“

Vision eines Stadtgartens

Dass die Verwirklichung solch kühner Pläne nicht immer auf einhellige Zustimmung stößt, erfuhren zuletzt die Mitglieder des Hamburger Vereins „Hilldegarden“. Dabei soll im Herzen der Stadt kein Hochhaus entstehen, sondern ein bereits existierendes Gebäude in ein Gartenkonzept verwandelt werden. Geplant ist ein neues, grünes Gewand für den trutzigen Bunker auf dem Heiligengeistfeld. Der „Hilldegarden“ ist die Vision eines Stadtgartens für ökologische und kulturelle Begegnung. Die Bewohner des Stadtteils St. Pauli können gemeinsam gärtnern, Veranstaltungen erleben und die Ruhe einer hoch über der Stadt gedeihenden Parkanlage genießen. Bis es soweit ist, wird allerdings noch einige Zeit vergehen: Anwohner in unmittelbarer Nachbarschaft monieren die zusätzliche Beschattung, die durch die nötige Aufstockung des Bunkers entstünde.

Mit derartigen Problemen hat es der französische Architekt und Botaniker Patrick Blanc kaum zu tun. Im Gegenteil: Als international führender Experte für Fassaden- und Mauerbegrünung kann er sich vor Aufträgen kaum retten. Mit seinen „Murs Végétaux“ („Lebende Mauern“) für innen und außen verschönert er Gebäude in Berlin und Bangkok, New York und Paris. Dabei ist für ihn nicht die Größe der Fläche entscheidend, sondern die Liebe zum botanischen Detail: Im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann ranken und sprießen über 6000 tropische Pflanzen auf einer 270 Quadratmeter großen Wand, kunstvoll komponiert und ausgeklügelt bewässert. Verdient gemacht hat sich Patrick Blanc daneben als Tropenbotaniker: Eine von ihm 2011 auf den Philippinen entdeckte Begonienart erhielt den Namen „Begonia blancii“.

Foto: Boeri Studio / Giovanni Nardi

Die Begrünung urbaner Räume ist längst ein politisches Thema: „Städtisches Grün macht widerstandsfähiger gegen den Klimawandel, bietet einen beruhigenden Kontrast zur lauten und hektischen Stadt. Luftreinhaltung und Lärmminderung, Nutzung zur Naherholung und für den Sport fördern die psychische und körperliche Gesundheit“, sagt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz. Schon jetzt fördern Städte wie Hannover und Hamburg Dach- und Fassadenbegrünungen. Am Ende tragen auch die privaten Haushalte zu dieser Transformation bei. Wer zu Hause für Balkon- und Terrassengrün sorgt oder ein Wandbeet gestaltet, bereichert nicht nur die eigene Lebensqualität, sondern fördert das Wohl der Nachbarn gleich mit. Es muss ja nicht gleich ein Weltwunder daraus werden.

Erstveröffentlichung: passt!, Ausgabe 02/2017