Mercedes-Benz F015 – Luxury in Motion: Fließende Übergänge prägen den loungeartigen Innenraum. Foto: Daimer AG
Zukunft Mobilität Freiraum

Revolution im Interieur

Das Autonome Fahren leitet eine neue Epoche der Mobilität ein. Das hat Auswirkungen auf viele Bereiche – auch auf die Gestaltung des Fahrzeuginnenraums. Infotainment und flexible Nutzungskonzepte treten in den Vordergrund. Die Fahrerorientrierte Ausrichtung wird es in Zukunft wohl ebenso wenig geben wie Lenkrad und Pedale. Für die Future Briefings hat sich unser Autor Hubertus Breuer mit den Konzepten beschäftigt, die heute schon für morgen entwickelt werden.

Vielbeschworen, doch noch ist die Mobilitätsrevolution nicht Wirklichkeit: Elektroautos sind nach wie vor die Ausnahme auf den Straßen, autonome Fahrzeuge durchweg in der Testphase und das gemeinschaftliche Nutzen von Pkw hat sich auf breiter Front bislang nicht durchgesetzt. Doch der Umsturz kommt – laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC werden 2030 40 Prozent der gefahrenen Personenkilometer autonom zurückgelegt. Deshalb bereiten sich Automobilhersteller seit einigen Jahren mit nervös-fiebriger Geschäftigkeit auf eine neue Epoche vor. Dabei lernt die Branche vor allem eines – umzudenken.

Audi auf der Auto Shanghai 2019
Foto: Audi AG

Vieles, was Fahrzeuge früher begehrenswert machte – beeindruckende PS-Zahlen, röhrende Motoren, aerodynamisches Design oder selbst schwindelerregende Luxuspreise –, hat nicht mehr den Stellenwert von einst. Zudem reicht es nicht, schicke Fahrzeugdesigns einfach mit intelligenten Steuersystemen und Elektromotoren auszustatten. Umdenken bedeutet nicht einfach umrüsten, sondern komplett neugestalten. Und das betrifft nicht zuletzt den Fahrzeuginnenraum.

Derzeit richtet sich das Interieur an der heute wie künftig primären Funktion eines Fahrzeugs aus – Menschen von A nach B zu bringen. Doch in unseren heute noch nichtautonomen Zeiten heißt das, Lenkrad, Pedale, Gangschaltung und die Sitzanordnung mit ihren Airbags sind darauf ausgerichtet, dass ein Fahrer sicher ans Ziel kommt. Sobald diese mitunter lästige Pflicht entfällt, ergeben sich völlig neue Nutzungskonzepte.

Luftiges Interieur aus nachhaltigen Rohstoffen bestimmt das Innere des AI:ME.
Foto: Audi AG

Alle namhaften Autohersteller sprechen heute davon, in Zukunft einen neuen Lebensraum für unterwegs zu schaffen. Doch Raum für was? Umfragen haben gezeigt, dass die Menschen sich vorstellen können, ihre Zeit in autonomen Fahrzeugen gesellig mit Freunden oder Kollegen oder mit Schlafen zu verbringen, zu arbeiten oder Filme zu sehen. Schlafkojen auf Rädern, fahrende Wohnzimmer, rollende Büros – vieles scheint also möglich, nur eines kaum: dass die klassische Konfiguration unverändert bleibt.

Gestaltungsinnenraum gibt es im autonomen Auto mehr denn je: Steuergeräte wie Lenkrad und Pedale fallen weg. Gelegentliche Steuerbefehle können stattdessen gesprochen werden, unterstützt von Eye-Tracking, das es erlaubt, Displaybereiche, auf die das Auge gerade blickt, größer darzustellen. Mit dem Verbrennungsmotor entfällt auch das Getriebe. Und zudem dürfen Designer auf größere Interieurs hoffen, denn wenn autonome Fahrzeuge vernetzt im Pulk über Autobahnen oder auch Landstraßen fahren, müssen sie sich nicht flunderflach wie ein Sportwagen auf der Überholspur auf den Asphalt pressen, sondern können mehr Luft zum Atmen bieten.

CEBIT 2018 – Volkswagen präsentiert jüngste Variante des SEDRIC.
Foto: Volkswagen AG
CEBIT 2018 – Innenraum vom SEDRIC Active
Foto: Volkswagen AG

Hand in Hand damit geraten die klassischen Beigaben des Wageninnenraums in Bewegung: Sitze werden drehbar und Lenkräder und Mittelkonsolen verfahren sich. Auf Wunsch übernehmen sie zudem neue Aufgaben: So verwandeln sich Instrumentencluster mit Tachometer und Drehzahlmesser zu Entertainmenteinheiten und Videokonferenzsystemen. Tische werden zu Spielekonsolen, Mittelkonsolen zu Mikrowellen und die Innenseiten der Autotüren zu weichen Rückenlehnen.

All das kann mit Blick auf Nachhaltigkeit gebaut werden: mit leichten Materialien mit guter Ökobilanz, etwa mit Naturfasern, die zudem das hohe Gewicht der Batteriepakete kompensieren. Sie werden schon heute nicht nur für Sitze und Nackenstützen eingesetzt, sondern vermischt mit Kunststoffen etwa auch für die Türverkleidungen oder Instrumentenabdeckung des BMW i3 – ohne jegliche Abstriche bei der Sicherheit. Dabei sind robuste und leicht zu reinigende Oberflächen für Carsharing ohnehin wichtig, helfen aber auch der Umweltbilanz. 

Designern und Fahrzeugingenieuren steht also viel Spielmaterial zur Verfügung. Doch ebenso gibt es Einschränkungen, die Wildwuchs verhindern. Ehe das vollautonome Fahren Wirklichkeit wird, müssen die Autos Menschen weiterhin ermöglichen, selbst das Steuer in den Hand zu nehmen. Ebenso wird es in Zukunft nach wie vor eine gestalterische Rolle spielen, wie ein Fahrzeug vornehmlich genutzt werden soll: Sei es für Kurzstrecken im Innenstadtbereich, auf langen Strecken zwischen Städten oder im Gelände; ob für wenige Personen, Großfamilien oder zum gelegentlichen Warentransport. Und schließlich ist entscheidend, wie eine Person befördert werden will – luxuriös oder ob ein schlichteres Ambiente ebenfalls genügt. 

Yanfeng Automotive Interiors’ XiM18 integrates around 30 new products and process solutions, packaged in four different interior driving modes.
Foto: Yanfeng Automotive Interiors

Nutzungsgeführtes Design findet sich auch in den aktuellen Showcars und Konzeptstudien großer Autokonzerne und Zulieferer wieder: So präsentierte Audi 2017 den AIcon, ein Edelgefährt für den automatisierten Langstreckenbetrieb. Auf der Auto Shanghai 2019 zeigte das Unternehmen zudem den AI:ME, einen fast durchgängig autonom fahrenden Premium-Kompaktwagen, den Menschen in Megacities bei Bedarf per App ordern können. VW wiederum stellte im Frühjahr 2017 den VW Sedric („Self Driving Car“) vor, einen Kleinbus, dessen Inneres mit einander gegenüberliegenden Sitzen an ein komfortables Bahnabteil 1. Klasse erinnert. Yanfeng Automotive Interiors schließlich, ein führender Anbieter automobiler Innenausstattung, hat ein Konzeptfahrzeug namens XiM18 entwickelt, dessen Inneres sich dank beweglicher Sitze und eines faltbaren Tisches schnell auf Wunsch den Modi Drive, Lounge, Family oder Meeting anpasst. 

In XiM18, Yanfeng Automotive Interiors features two easy-tables which are stowed on both sides of the console, popping up automatically to proper height by activating the release bar.
Foto: Yanfeng Automotive Interiors

Die hektische Betriebsamkeit der Autobranche kommt freilich nicht von ungefähr. Die Wertschöpfungskette in der Automobilindustrie verändert sich dramatisch. Die eingangs genannte PwC-Studie zur Automobilindustrie geht davon aus, dass die Fahrzeughersteller in den kommenden Jahren deutlich weniger Fahrzeuge verkaufen und insgesamt auch mit niedrigeren Margen zu kämpfen haben, während sie gleichzeitig massiv in Elektromobilität und autonome Steuerung investieren müssen. Dem wollen die Konzerne unter anderem mit Allianzen entgegensteuern – so gaben BMW und Mercedes 2019 bekannt, in Sachen autonomes Fahren zu kooperieren. Darüber hinaus planen Autohersteller nicht nur mit dem Fahrzeugverkauf Geld zu verdienen, sondern mit weiteren Dienstleistungen – seien es Carsharing, Entertainment, Werbung oder je nach Jahreszeit, Trend oder Anlass austauschbaren Interieur-Komponenten.