Beim vollautonomen Fahren könnte der Fahrer die Hände vom Lenkrad lassen und andere Aufgaben übernehmen. Foto: Daimler Benz Trucks
Zukunft Mobilität Freiraum

Zukunft des
Transports

Die Nutzfahrzeugindustrie ist massiv im Wandel. Klimaerwärmung, Urbanisierung, Digitalisierung, neue Formen der Mobilität, radikal veränderte Konsumgewohnheiten stellen ihr Geschäft vor enorme Herausforderungen. Wie sieht die Zukunft einer Branche aus, die immer wichtiger wird und die Zukunft fast schon verschlafen hatte? Eine Zustandsbeschreibung mit Zukunftsaussichten.

Klimawandel, Urbanisierung, Digitalisierung, neue Formen der Mobilität, radikal veränderte Konsumgewohnheiten und Mediennutzung beeinflussen unser Leben gerade dramatisch. Kein Bereich ist davon ausgeklammert, weder im Privaten noch in der Wirtschaft. Dabei sind alle diese Veränderungen eng miteinander verzahnt, beeinflussen und verstärken sich gegenseitig und können extrem schnell massive Auswirkungen haben.

Durch den Dieselskandal hat die Elektromobilität einen enormen Schritt nach vorne gemacht, machen müssen, denn das alte Geschäftsmodell der deutschen Automobilindustrie, das auf hochmoderne Dieselmotoren setzte, hat fast von einem Tag auf den anderen ausgedient, ob das nun technologisch-ökologisch wirklich sinnvoll ist, oder nicht. Ähnlich schlagartig kam nur das politische Aus für die Kernindustrie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima.

Industrien, die eine Zukunft haben wollen, tun gut daran, sich frühzeitig auf veränderte Bedingungen einzustellen und neue Wege zu suchen. Andernfalls werden sie vielleicht eines Tages hinweggefegt wie die Hersteller von Musik-CDs oder analogen Kameras.

Im Autoland Deutschland, mit seiner über Jahrzehnte dominierenden Automobilindustrie, rücken die Entwicklungen auf dem Sektor der Mobilität öffentlich immer stärker in den Vordergrund – allerdings weitgehend beschränkt auf den Individualverkehr. 

Bis Mitte des Jahrhunderts werden 70 Prozent der Menschheit in Städten leben. Immer mehr Menschen pendeln schon jetzt in rapide wachsende Megastädte. Und wir sie daran kaum hindern können. Die Städte drohen an ihrem eigenen Erfolg zu ersticken. Sie stehen vor dem Kollaps.

Die Vernetzung der LKW ermöglicht eine bessere Auslastung und spart Kilometer.
Foto: Daimler Benz Trucks

Kaum Beachtung finden die Entwicklungen der Nutzfahrzeugindustrie. Dies ungeachtet der Tatsache, dass der Transport von Gütern und Personen massive Auswirkungen auf unsere Lebensqualität und unsere ökonomische wie ökologische Zukunft hat. Schadstoff-Emissionen, Verkehrsprobleme, Überlastung der Städte, Niedergang des stationären Handels – alles hängt eng damit zusammen. Ganz abgesehen davon, dass mit Daimler-Benz und der VW-Tochter Traton Group (MAN und Scania) zwei weltweit führende Nutzfahrzeughersteller in Deutschland ihren Sitz haben und Zehntausende Arbeitsplätze an der Branche hängen. Klar ist dabei, dass die Nutzfahrzeugindustrie sich gewaltig verändern wird. Schneller und radikaler, als die Hersteller sich das vor ein paar Jahren noch vorstellen konnten. Inzwischen haben die Dinge so richtig Fahrt aufgenommen.

Drei Mega-Trends bestimmen die Zukunft dieser Industrie:

  • Emissionsfreie, alternative Antriebe
  • Autonomes Fahren
  • Vernetzung und digitale Services

Diese Mega-Trends sind eng miteinander verknüpft. Sie fordern die ganze Aufmerksamkeit der Branche, das gesamte Know-How, eine Menge Kreativität und entsprechende Budgets.

Alternative Antriebe

Das beginnt bei den alternativen Antrieben. Der Nutzfahrzeugindustrie ist klar, dass sie alle Anstrengungen unternehmen muss, Emissionen zu reduzieren. Kohlendioxid ist ein entscheidender Faktor für den Klimawandel. Den CO2-Ausstoß zu reduzieren, liegt im ureigensten Interesse der Nutzfahrzeughersteller. MAN hat sich beispielsweise schon vor langem zum Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoß seiner Produktion bis 2025 gegenüber dem Basisjahr 2008 um ein Viertel zu reduzieren und dieses Ziel bereits jetzt übertroffen.

Die Reduktion des Kraftstoffverbrauchs ist schon allein deshalb von entscheidender Bedeutung, weil im Nutzfahrzeuggeschäft ein möglichst niedriger Verbrauch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellt, denn für die Speditionen geht es dabei um bares Geld. Ein Drittel ihrer Kosten werden durch Treibstoff verursacht.

Es gibt nicht nur eine einzige Art von Transport: Angefangen von Fern- und Schwertransporten bis hin zur Lieferung an die Haustür, vom ortsgebundenen Verkehr wie zum Beispiel im Bergbau bis hin zu täglichen Schulbusfahrten. Für jede Art von Transport kann eine andere Lösung die beste Möglichkeit zur Reduktion von Emissionen bieten.

Der gesamte Bereich um das autonom fahrende Fahrzeug wird mit unterschiedlichen Systemen mehrfach überwacht.
Foto: Daimler Benz Trucks

Die ideale Lösung für eine schnelle CO2-Reduktion wäre schlicht und einfach weniger Verkehr. Aber die ist unrealistisch. Denn mehr und mehr Güter werden transportiert, mehr und mehr Menschen sind auf der Straße unterwegs. 

Der Industrie bleibt deshalb kein anderer Weg, als ihre Nutzfahrzeuge so sauber wie nur irgend möglich zu machen – angepasst an die jeweilige Situation. Dabei braucht es viele Schritte auf den unterschiedlichsten Wegen, um das Ziel zu erreichen.

Ganz konkret heißt das: Die Ingenieure müssen neue, sparsamere Motoren mit optimaler Abgasreinigung entwickeln. Auch wenn die EURO-VI-Dieselmotoren, die derzeit in den Nutzfahrzeugen deutscher Hersteller im Einsatz sind, schon relativ sauber und effizient sind, müssen die Entwickler weiter mit Hochdruck daran arbeiten, sie noch besser zu machen. Denn so schnell führt am Diesel auf Langstrecken-Transporten vermutlich kein Weg vorbei.

Die neuen Generationen von Nutzfahrzeugen werden alternative, saubere Kraftstoffe wie zum Beispiel Biogas oder Wasserstoff nutzen, wo immer das technisch und ökonomisch Sinn ergibt. Und natürlich werden die Hersteller ihr besonderes Augenmerk vor allem auf elektrische Antriebe legen. Denn mittelfristig wird die Zukunft des Transports – zumindest im urbanen Raum – in der Elektromobilität liegen.

Elektrobusse, elektrisch angetriebene Lkw für den innerstädtischen Verteilverkehr, E-Transporter für die letzte Meile, ja sogar elektrische Lastenfahrräder für Kurier- und Lieferdienste – all das sind wichtige Mosaiksteine für die Elektromobilität in den Städten. Schon in wenigen Jahren werden bei öffentlichen Ausschreibungen größerer Städte in Europa nur noch elektrisch angetriebene Busse in Betracht kommen werden, wie sie die Städte von morgen dringend benötigen. Nur haben bislang fast ausschließlich chinesische Hersteller entsprechende Busse im Programm.

Wenn das Lenkrad zur Schaltzentrale wird.
Foto: MAN

Elektrisch angetriebene Transporter sind ideale Fahrzeuge für eine dezentrale, kleinräumige Verteilung – vor allem, wenn dazu urbane Verteilkonzepte entwickelt werden, die den innerstädtischen Lieferverkehr neu organisieren. So könnten beispielsweise Kurierdienste zur Kooperation verpflichtet werden, so dass nicht mehr gleichzeitig mehrere Dienste parallel die gleiche Straße anfahren.

Ein wichtiger Bestandteil neuer Fahrzeugkonzepte für den urbanen Raum sind innovative Safety-Features, die optimalen Schutz für Fußgänger und Radfahrer bieten – etwa das 360° Birdview-System von MAN, das dem Fahrer die komplette Umgebung seines Lkws anzeigt.

Wer die technische Entwicklung und die dazugehörigen Diskussionen verfolgt, dem ist – allen irrationalen Ängsten zum Trotz – klar, dass das autonome Fahren das Potenzial hat, einmal die sicherste Art der Fortbewegung zu sein. Menschen machen bei Routineabläufen einfach mehr Fehler als Maschinen. Natürlich sind wir, insbesondere in den Städten, vom vollautonomen Fahren auf Level 5 noch weit entfernt. Aber die Technik hat sich mit einer enormen Rasanz weiterentwickelt, die uns wahrscheinlich alle überrascht.

Autonomes Fahren

Was den Nutzfahrzeugsektor angeht, sind innovative Assistenzsysteme unabdingbar geworden. Der zweite Mega-Trend, das automatisierte und autonome Fahren, ist in der Erprobung. Daimler-Benz und MAN haben unabhängig voneinander das sogenannte Platooning getestet, bei dem zwei Lkw im spritsparenden, sicheren Konvoi fahren und nur der Fahrer im ersten Fahrzeug aktiv ist, während das Folgefahrzeug digital gekoppelt ist. Die Ergebnisse werden noch ausgewertet, sind aber offensichtlich nicht ganz so zufriedenstellend wie erwartet.

Vollautonomes Fahren wird demnächst bei einem Pilotprojekt im Hamburger Hafen erprobt: Eine vollautonome Be- und Entladung, bei der das Fahrzeugsystem am Einfahrtstor zum Hafengelände die Kontrolle gänzlich selbst übernimmt, während der Fahrer Pause macht.

Riesige Akku-Packs sorgen für ausreichend Reichweite bei elektrisch angetriebenen LKW und Bussen.
Foto: Daimler Benz Trucks

Mit dem steigenden Grad an Automatisierung des Fahrens wird sich auch die Rolle der Fahrer in den nächsten Jahren deutlich verändern. Aus dem Stressjob hinterm Steuer wird ein anspruchsvollerer, aber auch weniger anstrengender, sichererer und attraktiverer Überwachungsberuf für Fahrzeug und Ladung. Vielleicht macht das den Beruf auf Dauer attraktiver, denn derzeit herrscht noch ein eklatanter Mangel an LKW-Fahrern.

Vernetzung und digitale Services

Der dritte Mega-Trend der Nutzfahrzeugbranche sind Vernetzung und digitale Services über cloud-basierte Plattformen. Intelligente digitale Lösungen für die Nutzer der Fahrzeuge führen nicht nur zu besserer Wirtschaftlichkeit. Sie sind vor allem auch ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, Fahrzeuge besser auszulasten, weniger Kilometer zu fahren und damit die Umwelt zu schonen. Nutzfahrzeuge werden schon jetzt Teil des Internets der Dinge. In der Zukunft wird der Warentransport vollvernetzt sein, und damit sicherer und effizienter.

Weniger, dafür voll ausgelastete Lkw verbrauchen weniger Kraftstoff und stoßen weniger CO2 aus. Eine Win-win-Situation für Umwelt, Bürger und Unternehmen. Die digitalen Services sind nicht zuletzt deshalb ein entscheidender Faktor für die Zukunft der Mobilität, auch und insbesondere in der Nutzfahrzeugindustrie.

Die großen Nutzfahrzeugproduzenten stecken längst mitten in der Transformation vom Hardware-Hersteller zum Mobilitäts- und Logistikdienstleister. Kunden und Bürger erwarten von ihnen nicht nur optimierte Fahrzeuge, sondern zukunftssichere Lösungen, wie immer mehr Waren und Menschen zuverlässig, schnell, sicher und ökologisch verträglich von A nach B und C transportiert werden können, ohne dass die Städte am Verkehr ersticken und unsere Autobahnen zu permanenten Stau-Parkplätzen werden.

Die Nutzfahrzeuge der Zukunft werden nicht mehr nur Güter von hier nach dort transportieren, sie werden smarte, vernetzte Teile eines umfassenden Transport-Ökosystems sein, das den Bedürfnissen der Logistikunternehmen ebenso entspricht wie denen derer Kunden, der Gesellschaft und der Umwelt.