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Zukunft Unternehmen Arbeitswelt

Core zu vermieten: Rechenpower für Unternehmen

Sharing-Modelle gibt es nicht nur im Bereich der Mobilität – auch Rechenleistung kann geteilt und gemietet werden. Bestes Beispiel hierfür: ein nicht profitorientiertes Unternehmen, das vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universität Stuttgart gegründet wurde. Unternehmen können rechenintensive Prozesse hierher auslagern und müssen sich dabei keine Sorgen um die Sicherheit ihrer Daten machen. Ein Blick hinter die Kulissen eines Riesen-Rechners, der für Porsche ebenso wie für Wetterdienste oder Studenten-Projekte rechnet.

Ob bei der Entwicklung von Flugzeugsitzen, Felgen oder Überrollbügeln, in der Biotechnologie zur Analyse von Gensequenzen oder der Filmproduktion zum Gestalten von Animationen oder Visual Effects – Computersimulationen spielen in den unterschiedlichsten Bereichen eine elementare Rolle. Doch wenn eine solche Simulation einen Firmencomputer lahmlegt, weil sie zu rechenintensiv ist, ist das im besten Fall einfach ärgerlich. Im schlimmsten Fall kostet es Geld und Arbeitszeit. Hinzu kommt, dass die meisten Computer kleiner und mittelständischer Unternehmen gar nicht die nötige Leistung haben, mit derart großen Datensätzen zurechtzukommen. 

Andreas Wierse, Geschäftsführer der Sicos GmbH
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Hier kommt Sicos ins Spiel: Das nicht profitorientierte Stuttgarter Unternehmen wurde vor zwei Jahren vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universität Stuttgart gegründet und bietet insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) Zugang zu Hochleistungsrechnern an. „Viele Firmen haben nicht die Ausstattung, eine Abteilung mit zehn, zwanzig Mitarbeitern an eine Simulationen zu setzen“, erklärt Andreas Wierse, Geschäftsführer der Sicos GmbH. Doch der Wettbewerb sei hart. „Wenn man früher etwas sicherer machen wollte, hat man es eben doppelt so dick gemacht. Das geht heute nicht mehr“, sagt Wierse. Er nennt ein Beispiel: Ein Automobilzulieferer hat einen neuen Überrollbügel für Cabrios entwickelt. Der muss extrem stabil und sicher sein – und doch so leicht wie möglich. Also wird das Simulationsprogramm mit Daten gefüttert, damit es den optimalen Mittelweg berechnen kann. Ein typisches Szenario für den Einsatz von High Performance Computing (HPC). Die Simulationsprogramme berechnen verschiedene physikalische Eigenschaften wie Geschwindigkeit, Druck oder Verformung, abhängig von den gewünschten Parametern wie etwa der Dicke eines Materials.

Ausgelagerte Rechenpower als Chance für kleine und mittelständische Unternehmen
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Die Beratung ist kostenlos

Einfach zu bedienen sind die Programme freilich nicht. „Wir bieten auch das nötige Knowhow an“, sagt Wierse. Das sitzt allerdings nicht bei Sicos selbst – die Firma besteht aus drei Mitarbeitern. Vielmehr werden interessierte Unternehmen beraten, und Sicos vermittelt die entsprechenden Ansprechpartner für die Arbeit mit den Hochleistungsrechnern und der Software. Hierzu arbeitet Sicos mit einem Netzwerk von Partnern aus verschiedenen Branchen zusammen. Der große Vorteil: „Wir sind neutral, werden vom Wissenschaftsministerium bezahlt. Die Unternehmen zahlen lediglich die Nutzung des Rechners, nicht unsere Beratung“, erklärt Wierse. Zu diesen Unternehmen gehört auch Porsche. Der Konzern aus Zuffenhausen nutzt den Stuttgarter Großrechner beispielsweise für Crash-Simulationen.

Dass die Ressourcen am Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS) durchaus auch für kleine Firmen lukrativ sein können, zeigt ein weiteres Beispiel: Zu den Kunden von Sicos gehört ein Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, Brennräume von Kraftwerken zu optimieren. Zehn Mitarbeiter sind in dem Unternehmen beschäftigt.

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Zu den Kosten: Etwa 110 000 Rechenkerne – sogenannte Cores – umfasst der Hochleistungsrechner. Pro verwendetem Core zahlt man pro Stunde knapp 4 Cent. „Die Kosten für die Simulationen liegen meist im zwei- oder dreistelligen Bereich“, sagt Wierse. Im Gegenzug könne man durch die Simulationen oft erhebliche Entwicklungskosten einsparen. Zudem müsse man nicht in Vorleistung treten, gezahlt wird nutzungsabhängig. Selbst komplexere Simulationen fordern dem Rechner in vielen Fällen nur 32 bis 64 Cores ab. Egal wie umfangreich die Berechnung sein mag – wer außerhalb des eigenen Hauses Simulationen durchführt, gibt Daten und Informationen aus der Hand. „Die Sicherheitsbedenken sind für viele Unternehmen eine große Hemmschwelle“, sagt Wierse. Die Frage sei immer: Wer kann auf die Daten zugreifen? Mit verschiedenen Sicherungsmethoden versuche man, alles bestmöglich abzusichern. So übertrage man sämtliche Daten beispielsweise nur verschlüsselt, und zwar nicht via FTP, sondern über das SSHProtokoll (auch als SFTP – Secure File Transfer Protocol – bekannt). Eine 100-prozentige Sicherheit gebe es allerdings nie, räumt Wierse ein. Die Kooperation mit Porsche sieht er jedoch als Zeichen dafür, dass man auf die Sicherheit vertrauen könne. 

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Immer mehr wird ausgelagert

IT-Leistungen auszugliedern liegt bei mittelständischen Unternehmen im Trend. Auch die Cloud ist hier ein wichtiges Stichwort. Meist geht es um Speicherplatz, doch auch Rechenleistung aus der Wolke kann man mieten. Ein namhafter Anbieter von HPC in der Cloud ist Amazon. Das Unternehmen bietet mit seinen AWS (amazon web services) an, Hochleistungsrechner zu nutzen.

Der Bedarf ist da. Muss ein kleines oder mittelständisches Unternehmen Simulationen vornehmen, steht es vor der Entscheidung, die nötige Hardware selbst anzuschaffen. Doch die entsprechend leistungsfähigen Rechner sind teuer und die Auslastung starken Schwankungen unterlegen. Konzipiert man ein neues Produkt, wird fleißig simuliert. Ist die Entwicklung jedoch abgeschlossen und es geht in die Produktionsphase, liegt der Rechner brach – effizient ist anders.

Weitere Informationen:
www.sicos-bw.de