Menschen auf der Brooklyn Bridge
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Zukunft Unternehmen Arbeitswelt

Die Zukunft der
Arbeit beginnt mit dem Warum

Warum gibt es Sie? Wenn ein Unternehmen darauf keine Antwort geben kann, befindet es sich auf dem Weg in die Verzichtbarkeit. Unser Autor Felix Zeltner lebt in New York, beschäftigt sich mit der Zukunft der Arbeit und hat bei einer Veranstaltung für einen führenden Autobauer die Erkenntnis gewonnen, dass selbst große Unternehmen oft noch keine Antwort auf die Frage nach ihrem Sinn, ihrem Purpose, geben können.

Drei Fragen zur Sinnhaftigkeit von Arbeit, die sich Unternehmensverantwortliche stellen sollten:

  1. Warum tut meine Organisation, was sie tut?
  2. Welche positive Veränderung bewirkt meine Organisation in der Gesellschaft?
  3. Wie helfen meine Mitarbeiter dabei mit?

Falls Sie diese Fragen nicht beantworten können, dann ist Ihre Firma meiner Meinung nach auf dem Weg in die Verzichtbarkeit.

Lassen Sie mich kurz grundsätzlich werden:

Die Arbeitswelt befindet sich in einem fundamentalen Wandel. Von Bürostühlen und Container-Terminals bis hin zu Führungskultur und Diversität ändert sich gerade so ziemlich alles, und zwar schnell. Die Gleichung lautet: Globalisierung plus Smartphone plus Künstliche Intelligenz minus Klimawandel.

Die geballten Veränderungen führen zu viel Unsicherheit, in uns privilegierten westlichen Individuen, aber besonders auch in großen Organisationen, weil die für viele Menschen mit Familien und für unzählige Wertschöpfungsketten verantwortlich sind – und einen sehr dicken Permafrostboden haben: mittleres Management, das nur ungern für Veränderungen auftaut.

Warum betrifft Sie das?

Ist es schwierig für Sie, an gute junge Leute zu kommen? Haben Sie immer noch wenige Frauen als Führungskräfte und bezahlen Frauen generell schlechter als Männer? Produzieren Sie viel Müll oder verbrauchen sehr viel Energie, um Ihre Produkte zu bauen und in die Welt zu schicken? Passieren Wandel und Innovation bei Ihnen nur zäh und top-down? Dann sind Sie schon mittendrin, und es geht Ihnen wie vielen großen Firmen, die aktuell an Strahlkraft verlieren und schlecht altern.

Sie sagen: Das stimmt doch gar nicht, wir tun doch was. Einige von uns arbeiten jetzt sogar im Coworking-Space!

Dazu muss ich kurz ausholen: Vor kurzem war ich an meinem Wohnort New York eingeladen, um vor führenden Angestellten eines internationalen Automobilkonzerns über die Zukunft der Arbeit zu sprechen. Der Anlass meines Vortrags war die Eröffnung des allerersten Coworking-Spaces der Firmengeschichte, mitten in Manhattan. Die Belegschaft arbeitet üblicherweise außerhalb der Stadt. Jetzt haben die Mitarbeiter die Chance, ein- bis zweimal die Woche nahe am Times Square in einem modernen Großraumbüro mit Gemeinschaftsküche eine andere Form des Arbeitens und andere Arbeitende kennenzulernen. Die Idee kam aus der Belegschaft – und der Chief Financial Officer hatte das Projekt abgesegnet und bezahlt.

Etwa 150 Menschen saßen nun gespannt vor einer großen Leinwand im Event Space des Coworking-Hochhauses. Gerade hatte der CFO launig von Eckbüros erzählt, vom Rauchen auf den Gängen, von Formularen, die man ausfüllen musste, um einen Internetanschluss und eine E-Mail-Adresse zu bekommen – Kriegsgeschichten aus der alten Welt der Arbeit, wie er sie als junger Mitarbeiter kennengelernt hatte. Sein Signal: Früher war alles viel schlimmer. Heute ist es besser. Wir tun was!

Dann war ich dran. Nach etwa fünf Minuten stellte ich Frage Nummer 1: „Wenn jungen Menschen, den Arbeitskräften der Zukunft, der Purpose von Unternehmen mit am wichtigsten ist, wenn sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden, dann würde ich jetzt gerne wissen: Was ist der Purpose Ihres Unternehmens? Warum gibt es Sie?“

Schweigen, dann Murmeln. Schließlich riefen ein paar Mitarbeiter Stichworte in den Raum:

Mobilität!

„Premium!

Ein paar, die länger nachgedacht hatten, riefen ganze Sätze:

„Wir stehen für die Zukunft des Fahrens!

„Wir bauen die besten Autos!

Und einer sagte: „Ja, warum eigentlich?

„Ich weiß es auch nicht“, sagte ich.

Ich hatte gegoogelt, die Websites des Unternehmens durchforstet, Zeitungsarchive durchleuchtet, nichts. Niemand konnte mir sagen, warum es den Konzern mit über 100.000 Angestellten überhaupt gibt. Ich fand Ansätze, aber keinen Satz. Die Firma hat bis heute keinen Purpose, keine übergreifende gesellschaftliche Mission.

Nach dem Vortrag baute sich ein Mann mittleren Alters vor mir auf, verschränkte die Arme und musterte mich von oben bis unten. Von außen ein typischer Chef der 2010er Jahre: groß, grauer Anzug, randlose Brille, Bürstenhaarschnitt, Geburtsdatum 196x.

„Das war ja schon ganz interessant“, tätschelte er mir verbal den Kopf, ohne sich vorzustellen. „Da machen Sie uns ja ordentlich Angst. Haben Sie überhaupt schon mal in einem Großkonzern gearbeitet?“ Ohne lange auf meine Antwort zu warten, fuhr er fort: „Wissen Sie, ich arbeite seit 30 Jahren für diese Firma. Sie ist immer gut zu mir gewesen. Ich durfte tolle Sachen machen, auf drei Kontinenten. Aber meine Kinder, die stellen das alles in Frage. Die fragen immer nur nach dem Warum von Arbeit. Dabei arbeiten die noch nicht mal richtig. Die wohnen noch zu Hause! Ich sage ihnen, dieses Warum, das muss man sich leisten können. Ich konnte mir das damals nicht leisten. Das ist ein Luxusproblem, Ausdruck einer total verwöhnten Generation.“

Als Nächstes kam der CFO zu mir. Er hatte ein Bier in der Hand. „Was soll eigentlich dieses Purpose-Gerede die ganze Zeit? Seit ich mich regelmäßig mit jungen Mitarbeitern treffe, ist es das Einzige, worüber die sprechen wollen. Wissen Sie, für mich gibt es auf die Frage, warum ich hier arbeite, seit 15 Jahren nur eine Antwort: Darum.“

„Und was ist dann die übergreifende Mission des Unternehmens?“ fragte ich zurück. „Autos verkaufen“, sagt er und lachte.

Na, da hat er doch Recht, oder?

Ich könnte Ihnen jetzt die vielen Studien vorlegen, die belegen, dass Millennials und die Generation Z, also die ab Mitte der 1990er Geborenen, Purpose über Karriere stellen. Dass ihnen wichtiger ist, wofür ein Unternehmen steht, als womit es Geld verdient. Dass fast jeder zweite Millennial, der bei einem Großunternehmen arbeitet, kündigen würde, wenn er/sie könnte. Dass eine ganze Generation immer nervöser wird und immer weniger Vertrauen in die Welt der Wirtschaft und das Credo des ewigen Wachstums hat. Dass sie nach Zugehörigkeit zu Organisationen suchen, die sich um die Zukunft sorgen machen. Und dass Autobauern die schwersten Jahre seit langem bevorstehen: Welcher junge Mensch kauft heute noch mit gutem Gewissen einen SUV?

Aber ich sage Ihnen einfach nur: Nach diesem Abend wusste ich wieder, warum ich, ein Millennial, der das Privileg hat, wählen zu dürfen zwischen der neuen und der alten Welt der Arbeit, nicht für ein Großunternehmen arbeiten möchte, das zwar einen Coworking-Space, aber auf sein Warum keine Antwort hat.

Tatsächlich hatte der Mann mit der randlosen Brille bei mir den Nagel auf den Kopf getroffen: Ich bin, typisch für einen immer größeren Teil meiner Generation, gut ausgebildet, aber nie unbefristet, sondern immer nur projektweise in großen Firmen beschäftigt gewesen. Ich habe nach dem Studium selbstständig gearbeitet, bin als Journalist um die Welt gereist, habe Preise gewonnen, Medienunternehmen beraten und bin schließlich in die USA ausgewandert. Habe dort schließlich meine eigene Firma und eine Familie gegründet.

Ich arbeite wahrscheinlich mehr Stunden am Tag als meine Eltern, und verdiene wahrscheinlich tendenziell weniger für meine Arbeitszeit. Verwöhnt bin ich qua Geburt in einer reichen Industrienation und als Kind gesunder Eltern, aber nicht qua Vermögen oder Arbeitslast. Ein Auto, ein Eigenheim, einen Bausparvertrag – habe ich nicht und brauche ich nicht. Ein typischer Millennial eben.

Seit drei Jahren organisiere ich nun Konferenzen zur Zukunft der Arbeit, um Menschen einen konstruktiven Blick auf das Thema zu ermöglichen und die Angst vor den Robotern, die angeblich unsere Jobs wegnehmen, in Chancen zu transformieren. Los ging’s 2016 in New York, dann 2017 nach Berlin, und inzwischen gibt es in beiden Städten jedes Jahr die Work Awesome Konferenz, bei der meine Mitgründer und ich die aktuellsten Themen und spannendsten Menschen zur Zukunft der Arbeit in einem Raum zusammenzubringen. Was wir dabei lernen, ist: Die Suche nach dem Sinn in der Arbeitswelt war nie greifbarer als jetzt. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem historischen Tiefstand, und Deutschland geht es gut wie nie – deswegen ist es wichtig und richtig, sich diese Diskussion jetzt zu leisten.

Sie fragen sich: Und was soll ich jetzt mit meiner Firma machen?

Vor einigen Tagen traf ich die Mitarbeiterin eines internationalen Lebensmittelkonzerns. Genau wie der Autobauer mit dem Coworking-Space hat auch ihre Firma über 100.000 Mitarbeiter, ist weltweit tätig und tut sich schwer mit Veränderung. Aber: Die Mitarbeiterin arbeitet im Büro des CEO und ist dafür verantwortlich, dass sich der Laden grundlegend ändert. Sie hat in den vergangenen Jahren eine sogenannte B-Corp-Zertifizierung im Unternehmen eingeführt. B-Corp-Zertifikate zeichnen Unternehmens aus, die Gewinn und positive Wirkung balancieren und nicht bloß die besten Unternehmen der Welt sein wollen, sondern auch die besten für die Welt. Mit der strengen Zertifizierung sind sie rechtlich verpflichtet, die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf alle Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten zu berücksichtigen, und halten freiwillig verifizierte Standards bezüglich der Gesellschaft und der Umwelt aufrecht.

Auch wenn die Einführung der Zertifizierung die Mitarbeiterin viele Nerven kostet – „Es ist verdammt, verdammt schwer, jeden Tag“, sagte sie –, hat sie damit ein Signal gesetzt: Das Unternehmen kümmert sich um sein Warum, um seine Auswirkungen auf die Welt und um seine Mitarbeiter.

Zum Abschied sagte sie mir: „Erst wenn man als großes Unternehmen eine wirklich große Mission formuliert, die weit über das Tagesgeschäft hinausgeht – und erst wenn man zugibt, dass man diese Mission alleine gar nicht erreichen kann, sondern auf Zusammenarbeit, auf Offenheit und auf Flexibilität angewiesen ist –, dann wird es spannend.“

Sollen Sie sich jetzt einen Berater ins Haus holen? Einen Experten für die Zukunft der Arbeit?

Das Handwerk, das ich gelernt habe, ist Journalismus. Ich kann recherchieren, Fragen stellen und das Gelernte so zusammenfassen, dass sich andere damit ihre Meinung bilden können. Was ich nicht bin, ist ein Experte zur Zukunft der Arbeit. Die gibt es leider nicht.

Erstens, weil niemand genau weiß, wie sich die Zukunft der Arbeit entwickelt. Zweitens, weil die Bezeichnung meist Marketing für etwas anderes ist – wenn Sie mal einem Experten zur Zukunft der Arbeit begegnen sollten, dann fragen Sie ihn bitte, was er zu verkaufen hat: Beratungsleistungen? Technologieprodukte? Bücher? Oder alles zusammen? –, und drittens, weil die Zeit des CxOs, die die Welt im Alleingang retten, komplett vorbei ist. So sagte es mir auch die Mitarbeiterin des Lebensmittelkonzerns: „Helden und Experten, denen man Beifall klatscht, braucht keiner mehr. Die müssen weg. Wir können es nur gemeinsam schaffen.“

Und was ist es nun, das große Warum?

Sie müssen es selbst schaffen, die drei Fragen vom Anfang zu beantworten – und dann entsprechend zu handeln. Ich kann Ihnen nur sagen, was das Warum nicht ist: Es ist nicht das Plakat mit dem Sinnspruch im Flur. Es ist kein neues Gimmick aus der Führungsetage. Es ist kein Feigenblatt für schlechte Gehälter. Und es ist schon gar keine Ideologie, der sich alle unterordnen müssen. Es ist Ausdruck einer neuen Zeit und einer neuen Generation, die es sich leisten kann, auf den Schultern ihrer Vorgänger zu stehen und die Welt, wie sie ist, in Frage zu stellen – damit sie besser wird.